Ein indischer Spruch sagt: Das Auge ist der Spiegel der Seele, das Ohr aber die Tür zur Seele.

Im Zuge des vor kurzem beschlossenen Behindertengleichstellungsgesetzes wurde auch die Anerkennung der Gebärdensprache gesetzlich verankert. Dies ist für tatsächlich gehörlose Menschen zweifelsfrei eine wichtige Grundlage in unserem Staat. Dennoch muss es erlaubt sein, diese Form der Kommunikation nicht als Allheilmittel darzustellen, schon gar nicht für die große Zahl der schwerhörigen Menschen, die in sich die Hoffnung und Sehnsucht haben, zu hören. Und vielfach auch hören können.

Im Leitartikel der letzten Ausgabe „Sprachrohr“ schreibt Prof.Hoth: „Ohne die Stimme zu hören erfahren wir nur einen Teil dessen, was uns mitgeteilt werden soll. Die Information scheint die Kommunikation in der Rangordnung abgelöst zu haben.“

Darum ist Hören mehr als nur Kommunikation, sie ist Empfindung, etwas, das den Menschen einnimmt und formt. Das Ohr als Tür zur Seele, die Stimme, als emotionaler Ausdruck unserer Sprache.

Es geht nicht darum, Gebärdensprache abzuwerten, vielmehr darum, zu allererst alle Möglichkeiten auszuloten, um den Menschen – hier besondern die hörgeschädigten Kinder – zum Hören zu verhelfen, jede bereits erdachte und noch zu erdenkende Technik muss hier willkommen und finanzierbar sein. Den betroffenen Menschen müssen seine Chancen bewusst werden, niemand soll einen Weg wählen müssen, den er eigentlich nicht gehen möchte.

Unser Gehör ist und bleibt unser sozialstes Sinnesorgan – das lässt sich durch nichts weg zu diskutieren.

Hans Neuhold



Ankommen

Ankunft – dieses Wort sagen und hören wir in den Zeiten der Weihnacht. Aber denken wir auch einmal daran, dass jedes Ankommen zuerst ein Weggehen voraussetzt. Wer nicht angestammte Wege verlässt, wird nie woanders ankommen können.

„Die Schwierigkeit besteht nicht darin, irgendwo anzukommen, sondern zur richtigen Zeit die Richtung zu wechseln“ meint ein Spruch.

Wir alle haben in uns Ziele und Möglichkeiten gesammelt, von denen wir meinen, wenn wir sie erreicht haben, ist alles erledigt. In dem wir aber leben und erleben, ändern sich einerseits die Voraussetzungen und andererseits auch die erreichbaren Ziele. Nichts bleibt, wie es ist, der Strom der Zeit und das Miteinander der Menschen bringen ständig Veränderungen und erfordern laufend neue Gedankengänge. Selten wird es sein, dass ein vor langer Zeit gefasstes Ziel in derselben Weise erstrebenswert und sinnvoll bleibt.

Zu schnell werden einstmals gangbare Wege ausgetreten und nur mehr schwer begehbar, zu schwierig werden Wege, die von anderen bereits begangen und vorgegeben wurden. Sehr leicht bleibt man dabei auf der Strecke.

Statt Ziele im Irgendwo zu suchen, sollten wir uns herausfordern lassen und uns selbst herausfordern, die Richtung dahingehend zu wechseln, die unserer Situation dienen und entsprechen. Eine bloße Erwartungshaltung an die Welt um uns erzeugt allzu oft nur Druck und Leiden und die Botschaft, die wir senden, erreicht nicht die Adressaten. Eine Richtungsänderung könnte sein: Tätig zu werden im Miteinander, in einer Gemeinschaft der Gleichgesinnten, denn nur wer sich einbringt, kann etwas herausbringen: Für sich selbst und füreinander.

Weihnachten ist dann, wenn wir merken, dass wir nicht allein sind, sondern so wie wir sind, ein Geschenk für andere. Nur: Geschenke müssen auch angeboten werden, sonst können sie nicht angenommen werden. Vielleicht wäre dies eine Richtungsänderung?

Hans Neuhold

 
Ein halb volles Glas…

Sie alle kennen die Gedanken über ein halb volles und ein halb leeres Glas. Es kommt immer nur auf die Sichtweise an, von welcher Warte aus ich es etwas betrachte. Man kann diese Sichtweise auch auf das Behindertsein übertragen. Ich denke mir, dass sich viele Behinderte als halb leeres Glas betrachten, das mag damit zusammenhängen, dass man ständig erwartet, ausgefüllt zu werden. Von außen. Erwartungen, die damit zusammenhängen, man möge mir doch entgegenkommen, möge doch auf meine Wünsche und Bedürfnisse eingehen und mich ernst nehmen.

Und erleben zugleich, dass dieses halb leere Glas nicht voll wird, im Gegenteil, es verdunstet auch der Rest beständig und langsam.

Ich habe gelernt, mich als halbvolles Glas zu sehen, als einer, der schon sehr viel mitbringt in dieses Leben, in diese Gesellschaft, als einer, der selbst geben kann und nicht bloß auf die Gaben anderer wartet. Als einer, der nicht den anderen vorwirft, seine Erfüllung zu verhindern, sondern der sich auf dem Weg macht, das Glas seines Lebens zu füllen, indem er es mit anderen teilt.

Selbst wenn dieses Glas nie ganz voll wird, so kann es auch daran liegen, dass dieses Glas meines Lebens sich weitet und größer wird.

Halb leere Gläser werden oft verschüttet, stehen gelassen. Ein halb volles Glas hingegen weist hingegen darauf hin, dass daraus getrunken wird und löst ein „Nach-Schenken“ aus.

So wie ich mich sehe, lade ich andere zum Sehen ein.

Hans Neuhold

 
„Fast zwangsläufig wird man schließlich zu der Person, für die einen die anderen halten“ (aus Iden des März, Julius Cäsar zugeschrieben)

Haben Sie sich schon einmal ernsthaft Gedanken gemacht, wie Sie als Schwerhöriger von den andern erlebt werden? Wir neigen ja allzu rasch dazu, unter dem Umstand zu leiden, dass wir nicht verstehen - verdrängen aber meist die Gedanken daran, wie wir selbst verstanden werden, wie wir uns einbringen und selbst auf unsere Mitmenschen zugehen. Vielfach verbringen wir unsere Zeit damit, Richtlinien und Regeln zu entwerfen, wie man mit uns als Schwerhörige umgehen soll. Zu wenig arbeiten wir daran, uns selbst mit unserer Schwerhörigkeit im Alltagsgeschehen zu verwirklichen, d.h. wirklich werden in dem Sinne, dass wir die Kommunikation steuern und gestalten. Ich denke, wir erwarten oft zuviel von Technik und vergessen dabei unsere eigenen menschlichen Fähigkeiten und Qualitäten. Ob uns unsere Mitmenschen annehmen, liegt nicht nur an ihnen, sondern zu gleichen Teilen an uns. Inwieweit wir uns selbst behindern lassen, dieses Maß sollten wir bestimmen. Ich denke, das oftmals negative und abschätzige Bild vom schwerhörigen Menschen in der Gesellschaft haben Schwerhörige im Laufe der Zeit selbst geprägt und geschaffen. Der Weg, dieses Bild zu verändern, liegt nun ebenso an uns. Nicht der voll-digitalisierte und technisierte Schwerhörige, von dem nun Funktionalität erwartet wird, kann das Maß sein, sondern jener Mensch, der in seiner Schwerhörigkeit einen Auftrag erkennt, neue Begegnungsformen zu kultivieren und zu nutzen.

Erst im Miteinander können wir unser Bild von uns selbst prägen, unsere Umgebung kann wie ein Speiegel sein.

Hans Neuhold

 
Die Würde des Menschen

Unsere Welt – Wirtschaft, Technik, Konsum, Gesellschaft - dreht sich immer schneller, sagen viele Menschen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass, wie bei einer Zentrifuge, bei einer immer schnelleren Geschwindigkeit viele Menschen an den Rand geschleudert werden. Sie kommen nicht mehr mit und wie das Sprichwort heißt „den Letzten beißen die Hunde“. In unserem Behindertenwesen macht sich immer mehr der Umstand breit, dass von oben herab über die Behinderten entschieden wird, man wird zum Bittsteller degradiert, muss froh sein, überhaupt noch erkannt zu werden. Denken wir an die Zunahme der Armut trotz steigenden Wirtschaftsdaten. Einige sprechen davon, dass Armut nicht bloß ein finanzieller Umstand ist, sondern eher die Tatsache, dass den Menschen die Chancen einer Selbstverwirklichung genommen sind. Der einzelne Mensch wird zum Abhängigen und verliert damit auch seine Würde, das trifft oftmals Behinderte und ebenso Arbeitslose. Das was heute den scheinbar Schwächeren von oben (Politik, Verwaltung, Arbeitsmarkt usw.) gewährt wird, geschieht oftmals aus einer Position der Stärke heraus und wird von vielen als demütigend empfunden.

Die Würde des Menschen hängt unmittelbar damit zusammen, dass ihm selbst Raum und Zeit bleibt, zu handeln und zu agieren, dass er für sich Möglichkeiten nutzen kann, um sich nicht bloß als Behinderter (im Sinne von behindert werden) wahr zu nehmen, sondern als ganzer Mensch mit all seinen Fähigkeiten.

Je mehr heute Menschen genormt werden und einer Norm entsprechen müssen, desto eher gehen all jene Fähigkeiten des Einzelnen verloren, die eine Gemeinschaft bereichern und vielfältig machen.

Hans Neuhold