Altersschwerhörigkeit

Wenn auch manche Fachleute meinen, es gäbe eigentlich keine Alterschwerhörigkeit, so  sprechen Statistiken sehr wohl von einer Zunahme der Schwerhörigkeit im Alter.
Wie dem auch immer sei, grundsätzlich wissen wir alle:

Hören ist wichtig

Unser Gehör ist das intellektuellste und sozialste unserer Sinnesorgane.  Der Mensch als soziales Wesen geht mit dem Verlust des Gehörs seelisch zugrunde.
Beim Hören (wie auch beim Sehen) handelt es sich um „umweltbezogene“ Fähigkeiten.

Beim Hören in erster Linie um die Wechselwirkung mit der sozialen Umwelt. Das Hören kann als Fernsinn bezeichnet werden, der es möglich macht, Informationen über Ereignisse in der näheren und ferneren Umgebung wahrzunehmen: Alarmierung, Orientierung, Emotionale Empfindungen (Stimmen, Menschen, Botschaften..), Kommunikation und die Begegnung mit anderen....

Unser Ohr arbeitet rund um die Uhr, ist ständig wachsam, liefert uns wichtige Informationen aus dem jeweiligen Umfeld und aktiviert unser Gehirn.

Unser Gehör liefert somit die Voraussetzung für eine Beziehung unter Menschen, denn „ohne die Stimme zu hören erfahren wir nur einen Teil dessen, was uns mitgeteilt werden soll“

Unser Hören bestimmt in vieler Hinsicht unser gesamtes Leben

Gerade im älter werden findet der Mensch Ruhe und Gelegenheit, sich der Begegnung mit anderen zu widmen und sich in Gesprächen auszutauschen. Der ungezwungene Plausch am Stammtisch und im Kaffeehaus, das Treffen mit FreundInnen, ein Vortrag über Hobbys oder Inhalte, die einem schon lange beschäftigen, kleine und größere Reisen, die man gerne mit anderen genießt. Man findet Zeit, sich mit den Sorgen und Bedürfnissen der Kinder und Kindeskinder auseinanderzusetzen und ist ein gesuchter Partner, der eben Zuhören kann. 
Das setzt aber voraus, dass das Gehör funktioniert und so die Kommunikation mit Menschen ohne große Anstrengung ermöglicht.
Denn mit jeder Einschränkung im Hören beginnt ein Rückzug aus der Welt der Gemeinschaft, man fühlt sich als Partner beschränkt und empfindet sich nicht mehr ernst genommen. Stückweise wird die bisher erlebte Welt verloren, Unsicherheit tritt ein, wenn die immer lautloser werdende Umgebung keine Signale mehr zulässt, die der Warnung und eigenen Sicherheit dienen.

Was versteht man unter Altersschwerhörigkeit?

Altern – verstanden als eine Vielzahl von normalen Rückbildungsvorgängen, welche die Anpassungsfähigkeit und Reservekapazitäten im psychosozialen und medizinisch-biologischen Bereich zunehmend einschränken - weist im Ablauf erhebliche individuelle Unterschiede auf, die zu einem sehr unterschiedlichen Leidensdruck führen können.

Altersschwerhörigkeit (=Presbyakusis) wird daher nach dem Ausschließungsprinzip bestimmt: Liegt ab einem gewissen Alter  (ca. ab 60 Jahren) eine an beiden Ohren gleichermaßen betreffende dauerhafte Schwerhörigkeit im Innenohr vor, welche die hohen Frequenzen betrifft und können andere Ursachen ausgeschlossen werden (z.B. Lärmtrauma, Infektion, Folgen von Sucht, u.dgl.), dann kann die Schwerhörigkeit als eine altersbedingte Schwerhörigkeit eingestuft werden.
Fast jeder Alternde wird irgendwann einmal (für ihn und andere erkennbar) von einer Verschlechterung beim Hören und Sehen betroffen sein. Während die  Verordnung einer Brille toleriert wird, landen Hörgeräte sehr rasch in der Schublade. Erst wenn erhebliche Störungen erreicht werden, Gespräche nicht mehr verfolgt werden können, Orientierungsstörungen eintreten, ist man bereit Hilfen anzunehmen. Das kann aber schon zu spät sein.

Die Höreinbussen im Alter berühren vor allem zwei Aspekte:

a)    die lautsprachliche Kommunikation mit anderen Menschen ist behindert:

Man hört zwar noch einiges, aber man versteht nicht mehr. Die Äußerungen der anderen werden als undeutlich und schwer verständlich beschrieben. Das Verstehen erfordert eine hohe Konzentration und es müssen alle sonstigen Informationen (Kontext, Lippenbewegungen, Gesichtsausdruck, Körperhaltung...) herangezogen werden. Dennoch ist zu befürchten, falsch zu verstehen und wiederum falsche Antworten zu geben. Man meint, Schwerhörige können das doch sagen, aber das mangelnde Selbstbewusstsein und die (Un)geduld des Gesprächspartners setzen hier Grenzen. Diese schwierige Lage schwerhöriger Menschen lässt sich dadurch kennzeichnen, dass sie im Gespräch gegen grundlegende Gesprächs-Regeln verstoßen.

Die Regel der Anknüpfung sagt, dass Gesprächsbeiträge aufeinander bezogen sein sollten und die Regel der Sparsamkeit fordert, sprachliche Mitteilungen so kurz wie möglich zu halten. 
Schwerhörige verstoßen meist gegen eine dieser Regeln: Fragt ein Schwerhöriger nach, um sicherzustellen, dass er verstanden hat, verstoßt er gegen die Sparsamkeit und macht vielleicht den Gesprächspartner ungeduldig. Versucht er aber nur mit dem Gehörten und den Zusatzinformationen zu verstehen, so entsteht die Gefahr, nicht richtig zu verstehen und falsche Antworten zu geben. Damit werden Alltaggespräche mühsam und der Schwerhörige zieht sich erschöpft und frustriert aus weiteren ähnlichen Kommunikationsvorgängen zurück.
Somit greift die Schwerhörigkeit tief in die Lebenssituation ein. Soziale Kontakte, Partnerschaften und Freundschaften sind belastet. Freizeitaktivitäten werden aufgegeben. Schwerhörigkeit wird zur Bedrohung des Selbstwertgefühls. Gerade die Folgen der Schwerhörigkeit im Erwachsenenalter sind nicht selten psychosomatische Beschwerden, Depressionen und Selbstwertkrisen.

b)    die Orientierung in der Welt der Laute ist eingeschränkt

Es ergeben sich Schwierigkeiten, eine Situation als akustisches Umfeld zu erfassen.  Alltägliche Hintergrundgeräusche, wie der surrende Kühlschrank, spielende Kinder im Hof, Türklingel und Telefon verschwinden. Im Straßenverkehr ergeben sich Un-sicherheiten, das Herannahen von Autos und Fahrräder wird nicht oder zu spät gehört. Die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren und Geräuschquellen zu lokalisieren, verringert sich. Auch die emotional-ästhetischen Zusammenhänge von Musik, Klängen, sprachliche Darstellungen können kaum mehr als solche empfunden werden. Aufgezwungene Stille tritt ungewollt an ihre Stelle.

Was sagt die Statistik?
Höreinbussen sind die häufigste chronische Einschränkung, die mit dem Alter verknüpft ist. Etwa ein Drittel aller über 65jährigen ist davon betroffen, Männer (32,5%) stärker als Frauen (26,7%). Englische Studien berichten von 36,8% Schwerhörigen bei den 61-70jährigen, dies steigt bei den 71-80jährigen auf 60,2%. Ein nicht unerheblicher Teil (17%) klagt über Ohrgeräusche (Tinnitus). Besonders bei Heimbewohnern ist die Schwerhörigkeit ausgeprägter, es wird geschätzt, dass 45-75% davon mittlere bis schwere Hörverluste aufweisen. 
Insgesamt ist die audiologische Rehabilitation (hörbedingte Wiederherstellung) im Alter problematisch, in einer amerikanischen Studie wird der Versorgungsgrad mit Hörgeräten nur mit 25% angegeben und nur etwa die Hälfte der älteren Hörgerätebesitzer nutzen die Geräte täglich und ganztägig. Auch in Österreich ist es nicht anders.


Was kann getan werden?
Schwerhörigkeit im Alter ist nicht durch vorbeugende Maßnahmen zu verhindern. Es können somit nur Rehabilitationsmaßnahmen angewendet werden, nämlich die
Anpassung von Hörgeräten.
Zwar ist ein „normales“ Hören mit Hörgeräten nicht möglich, dennoch bleiben Hörgeräte die einzige Chance und Möglichkeit einer Hilfe.

Der gemessene Hörverlust ist aber nicht der einzige Faktor bei der Beurteilung der Schwerhörigkeit, das Ausmaß der Beeinträchtigung ist immer von der Lebenssituation und dem Bewältigungsverhalten abhängig.
Ein großer Teil der älteren Menschen unterschätzt den eigenen Hörverlust, sie vergleichen oft mit anderen Behinderungen und meinen, selbst noch gut dran zu sein („Sei froh, dass du nicht blind bist“ und „Sei froh, dass du nicht alles hörst“).
Andererseits gewöhnen sie sich an den meist schleichenden Hörverlust und passen sich an. Sie vermissen verloren gegangene Eindrücke vorerst gar nicht.
Das hat natürlich Konsequenzen: Wer keine Hilfe braucht, sucht sie auch nicht, viele gehen daher zu keinem HNO-Arzt und wollen auch kein Hörgerät. Und selbst wenn sie eines hätten, würden sie es kaum oder gar nicht tragen.

1.    Hörgeräte – Bewältigung und Nutzen

Zuallererst ist ein Besuch beim HNO-Arzt unumgänglich, nur er kann feststellen, welche Art der Schwerhörigkeit vorliegt und andere Ursachen ausschließen. Danach folgt in vielen Fällen die Verordnung von Hörgeräten.
Nur eine frühzeitige Hörgeräteversorgung ermöglicht, dass für den Betroffenen die Kommunikation und seine soziale Integration erhalten bleibt.  
Eine zu späte Hörgeräteversorgung kann zu Degenerationsprozessen führen, erschwert eine Rehabilitation, durch die über längere Zeit reduzierte Aktivierung des zentralen Nervensystems kann es auch zum teilweisen Ausfall der zentralen Sprachverarbeitung führen. 
Ein wesentliches Problem ist die Handhabung der Hörgeräte, insbesondere bei Sehschwäche und Problemen mit der Feinmotorik (Hände). Viele ältere Menschen geben in Bezug auf geringe Verwendung der Geräte vor allem  den unzureichenden Nutzen der Geräte an. Auch eine Aufpreiszahlung bei der Hörgeräteanschaffung ist für Menschen mit geringen Einkommen ein Problem, sie müssen sich demnach mit den einfachsten Hörgeräten zufrieden geben.
Das Trageverhalten stabilisiert sich nach etwa 6 Monaten, jene Personen, die Hörgeräte häufig nutzen, profitieren davon auch am meisten und kommen damit auch am besten zu recht (Gewöhnung!). Auch die Ermutigung (ohne Zwang!) durch das soziale Umfeld spielt eine große Rolle, wenn auch die Zufriedenheit eher von der Person und von den technischen Problemen mit dem Gerät abhängen.
Daher spielen der Prozess der Hörgeräteanpassung und die realistische Einschätzung der Hörgeräte eine wesentliche Rolle. 

Das „unsichtbare“ Hörgerät: Auch ältere Menschen meinen oft, ihr Hörgerät soll auf keinem Fall sichtbar sein. Aber Schwerhörigkeit nimmt man zuerst aufgrund der schwierigen Kommunikation wahr, egal ob man Hörgeräte sieht oder nicht. Zudem ist es vom Vorteil, wenn Hörgeräte sichtbar sind, damit sich andere eher auf einen besseren Umgang im Gespräch einstellen können. Maßgeblich ist letztlich nur, inwieweit das jeweilige Hörgerät den besten Nutzen bringt und nicht der kosmetische Gesichtspunkt.

Die Entscheidung zwischen einem Im-Ohr-Gerät (IO) oder einem Hinter-dem-Ohr-Gerät (HdO) muss immer von der Leistung und der bestmöglichen Handhabung und Hilfestellung her entschieden werden. Bei Versorgung mit HdO-Geräten spielt die gut angepasste Otoplastik (Ohrpassstück) eine große Rolle. Generell sind HdO-Geräte leistungsstärker, leichter bedienbar, besser zu reinigen und haben zudem alle Möglichkeiten für die Verwendung von Zusatzhilfen. 

Funk- und Fernsteuerung, Automatik: Auch bei digitalen, automatischen und mehrkanaligen Hörgeräte muss sicher gestellt sein, dass Hörgeräte in verschiedenen Kommunikationssituationen auch unterschiedlich genutzt werden können. Daher sollten Fernsteuerungen und manuelle Einstellungen auch bei den vollautomatischen Geräten möglich sein. Eine Funksteuerung kann eine große Hilfe bei fehlender Motorik sein.  „Kein Hörgerät ist so intelligent wie sein Träger und entscheidend ist immer das subjektive Empfinden des Betroffenen“.

Zusatzhilfsmittel, Induktion: Auf einen Audioeingang (bei allen HdO-Geräten vorhanden) ist zu achten, ebenso soll eine leistungsfähige IndukTionsspule vorhanden sein, um die immer mehr vorhandenen diesbezüglichen Hilfsmittel und Höranlagen in öffentlichen und privaten Räumen zu nutzen. Hier sind die IO-Geräte eindeutig im Nachteil. Generell sollte bei einer Versorgung schon die Verwendung späterer Hilfsmittel mit gesehen werden, wie: Audioeingang, Induktion, Funksysteme, Verbindungen mit externen Mikrofonen, Richtmikrofone, usw.....

Hörtraining und Hörtaktik: Während und im Zuge der Anpassung sind dem Betroffenen auch erste Anleitungen zu einem Hörtraining zu geben und es ist ihm klar zu machen, dass er auch mit dem Hörgerät eine Hörtaktik entwickeln muss, um selbst die Kommunikation zu verbessern. Unter Hörtaktik versteht man die Strategien, die der Schwerhörige anwendet, um sein Hörvermögen in der Kommunikation mit seiner Umgebung optimal zu nutzen. Dazu kommen mit dem Hörgerät, die Gewöhnung an die veränderten akustischen Verhältnisse hinsichtlich Klangfarbe und Lautstärke, die Gewöhnung an den alltäglichen Umgebungslärm.
Das Hören mit dem Hörgerät – vor allem bei einer späten Versorgung – entspricht nicht immer den bisher gewohnten akustischen Klangbildern im Hörbahnsystem. Es muss also vielfach neu erlernt werden. Besonders die neu dazukommenden Klänge, Töne und Geräusche.
Derartige Leistungen des zentralen Hörbahnsystems sind aber trainierbar und  bedürfen einer Unterstützung im Rahmen eines Hörtrainings (Differenzieren und Erkennen von Geräuschen, Verstehen von Sprache, Wörtern und Silben, Erkennen eines Signals, Sprache oder spezielle Geräusche, Störgeräusche, Richtungshören).
Ein Hörtraining führt zu einer Verbesserung der Sprachwahrnehmung und zu einer vergrößerten Akzeptanz der Hörgeräte. Eine gute Hörtaktik erleichtert dem Schwerhörigen ebenso den Umgang mit seiner Umgebung.

Ratschläge für Angehörige und Betreuer:

 

- Erklären Sie Betroffenen den Sinn eines Hörgerätes, üben sie keinen Zwang aus
- Wesentlich ist, dass der Betroffene schon in der Probephase einen positiven Effekt
mit Hörgeräten verspürt, ansonsten raten Sie zu anderen Geräten
- Begleiten Sie Betroffene bei der Hörgeräteanpassung, lernen Sie selbst mit dem
Gerät umzugehen (Batteriewechsel, Programmschaltungen, Reinigung…)
- Üben Sie mit dem Betroffenen, indem Sie ihm z.B. von der Seite kurze Ausschnitte aus einer     Zeitung vorlesen
- Fordern Sie nicht Leistungen ein, die erst langsam erreichbar sind


Ratschläge für die Betroffenen selbst:

 

- Haben Sie Mut, möglichst rasch ein Hörgerät zu probieren, wenn Sie oder andere Ihre Schwerhörigkeit bemerken
- Haben sie keine Scheu, verschiedene Hörgeräte zu probieren, Sie haben das Recht, jedes Hörgerät mindestens 4 Wochen gratis zu testen. Entscheiden Sie sich nicht voreilig.
- Nur Sie als Betroffener können entscheiden, welche Geräte für Sie vom Nutzen sind, denken sie auch an die spätere Nutzung von Zusatzhilfsmittel
- Erproben Sie ihre Hörgeräte in allen möglichen Situationen Ihres Alltags, achten sie auf die einfache Handhabung der Geräte
- Gehen Sie öfters zu Ihrem Akustiker, wenn Sie bemerken, dass Töne und Geräusche fremd oder zu laut klingen oder Sie in gewissen Situationen weiterhin nicht verstehen, das kann meist durch weitere Einstellungen gelöst werden
- Sagen sie es ruhig ihren Mitmenschen, dass Sie ein Hörgerät tragen, nur so können sich die anderen auf Sie einstellen
- Hörgeräte sind keine Schande, so wie auch Ihre Brille helfen sie Ihnen  „dazugeHÖREN“

 
2.    Der Umgang mit Schwerhörigen

Die Belastung durch Hörprobleme im Alter kann durch verschiedene Methoden und Unterstützungen zwar nicht gelöst, wohl aber gemildert werden.  
Gerade weil Hören die wesentlichste Grundlage jeder Kommunikation ist, kann die Bewältigung einer Schwerhörigkeit nur von beiden Seiten realisiert werden – nämlich durch ein hörtaktisches Verhalten des Schwerhörigen (auf Schwerhörigkeit hinweisen, Raumpositionen, um Wiederholung bitten, Hörgeräte sichtbar tragen, Gesichtabsehen, kein Verstehen vortäuschen u.a.) und das Berücksichtigen wichtiger Regeln im Umgang mit Schwerhörigen (nicht von hinten ansprechen, Nebengeräusche meiden, langsam und deutlich sprechen, nicht schreien, geduldig bleiben, das Gesicht zuwenden, u.a.).

Das soziale Umfeld (Partner, Angehörige, Pflegepersonal…) kann eine Hilfe bei der Bewältigung von Problemen sein, aber auch eine Quelle von Belastungen, wenn emotionale Bedürfnisse unterschätzt werden und es um bloßes Hören geht.  Gutgemeinte Ratschläge, die nicht auf das Bedürfnis der Person eingehen, haben negative Aspekte. Die Akzeptanz der Hörprobleme ist besonders schwierig, weil Höreinbussen eine Bedrohung für das Selbstwertgefühl sind, daher auch die starke Tendenz der Verleugnung. Die Reaktion der Umgebung ist dabei von großer Bedeutung. Wird das Hörproblem vom Betroffenen ständig verleugnet, löst dies bei Freunden und Angehörigen Ärger und Frustration aus. Häufig wird auch mit Unverständnis reagiert (Das wird doch möglich sein! Du willst ja nicht hören!). Das wird vom Betroffenen als zusätzliche Belastung erlebt.
Entgegenkommendes Verhalten wird nicht immer akzeptiert: Einerseits gelingt die Unterstützung durch andere nicht immer im selben Ausmaß, andererseits empfindet der Betroffene die Unterstützung oft als Bedrohung und Einschränkung seiner Selbstständigkeit.

Eine Unterstützung durch andere bleibt eine „Gratwanderung zwischen Stützung und Kränkung“. Dabei gilt: Je enger die Beziehung, umso größer ist der Einfluss der Hörprobleme auf die Beziehung. Partner finden die dauernd notwendige Unterstützung als Belastung, daher ziehen sich Betroffene zurück, möchten nicht als  Last empfunden werden und sich selbst Frustrationen ersparen. Angehörige versuchen dagegen häufig auf den Betroffenen einzuwirken, dass endlich Maßnahmen - wie z.B. eine Hörgeräteanschaffung – ergriffen werden.

3.    Raumakustik

Gerade weil Nebengeräusche Gespräche mit Schwerhörigen enorm behindern, sollten für die Kommunikation Räume gewählt werden, die einen geringen Nachhall aufweisen. Glatte Wände, Böden und viel Glas sind extrem hallig und machen eine Kommunikation schwierig. Sowohl private als auch Räume in Heimen sollten daher raumakustisch gedämmt sein bzw. werden.

4.    Telefonbenützung und Alarmierung

Gerade ältere Menschen möchten mit ihren Angehörigen und Freunden auch  telefonischen Kontakt halten. Wenn dies aufgrund der Schwerhörigkeit nicht mehr gelingt, gibt es eine Reihe von zusätzlichen Hilfsmitteln und spezielle Telefonapparate, die im Zusammenwirken mit gut angepassten Hörgeräten neue Möglichkeiten schafften. Dadurch wird die Selbstsicherheit und die Eigenständigkeit gefördert.  Ebenso gibt es eine Vielzahl von Weck- und Alarmierungsgeräten, mit denen ältere Menschen ihre Selbständigkeit bewahren können.

5.    Höranlagen

Höranlagen in privaten Räumen (z.B. im Wohnzimmer für Fernsehen) oder in den diversen Aufenthalts- und Versammlungsräumen in Seniorenheimen sind eine weitere große Hilfestellung für ältere Schwerhörige. Am ehesten eigenen sich dafür so genannte Induktionsanlagen, die ohne Zusatzgeräte mit dem eigenen Hörgerät nutzbar sind. Es ist lediglich auf das Induktionsprogramm umzuschalten. Allerdings ist  dies nur mit HdO-Geräten möglich!. 
Eine Induktionsspule im Hörgerät ermöglicht heute schon in vielen öffentlichen Einrichtungen (Informationsbüros, Vortragsräume, Banken, Theater, Kino usw.) ein besseres Verstehen. Im Zuge des Behindertengleichstellungsgesetzes werden in den nächsten Jahren noch viele solche Höranlagen errichtet werden.
Für spezielle Bedürfnisse gibt es auch Funksysteme mit sehr kleinen, am Hörgerät ansteckbaren Empfängern. Voraussetzung dafür ist ebenso ein HdO-Gerät mit einem Audioeingang. Solche Systeme sollten vor einem Kauf ausreichend getestet werden.

6.    und ohne Hörgeräte?

Es gibt Situationen (Bettlägerigkeit, Untersuchungen, zu späte Versorgung…), bei denen ein Hörgerät keine Hilfe mehr bewirkt. Aber selbst in diesem Fall kann man auf so genannte „Kommunikatonsgeräte“ (Kopfhörer in Verbindung zu einem Mikrofon) zurückgreifen, die einen Hörkontakt ermöglichen. Solchen Geräte können ebenso in Verbindung mit einer bestehenden Induktionsanlage eingesetzt werden.

7.    Hilfen für Heime und Pflegepersonal:

In Seniorenheimen und ähnlichen Einrichtungen sollten nicht bloß notwendige raumakustische und raumtechnische Maßnahmen getroffen werden, sondern auch das Personal ausreichend über den Umgang mit Schwerhörigen sowie über den Einsatz technischer Hilfen unterrichtet werden. 

Schlussbemerkung:

Das Thema Alterschwerhörigkeit wird uns voraussichtlich alle einmal persönlich oder im Zusammenhang mit Angehörigen betreffen. Altersschwerhörigkeit beeinträchtigt eben nicht nur die Hörgeschädigten selbst, sondern immer auch deren Familien, Freunde und Betreuungspersonal, die nach Möglichkeiten einer gelingenden Kommunikation suchen.
Mit dem Hören ist zwangsläufig das „DazugeHÖREN“ verbunden und dafür lohnt es sich alle Chancen – gerade im Älterwerden - zu nützen.


Verwendete Literatur:
Clemens Tesch-Römer, Schwerhörigkeit im Alter, Belastung, Bewältigung, Rehabilitation, Median-Verlag 2001, Buchreihe audiologische Akustik Bd.3

Zusammenstellung und Bearbeitung: Hans Neuhold im Jahre 2011

Österreichische Schwerhörigen Selbsthilfe ÖSSH
Tel: 0681 / 207 470 56
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 
Homepage: www.oessh.or.at 


 

Hör - Frühförderung
für schwerhörige Kinder

Audiopädagogische Frühförderung und Familienbegleitung


Hört mein Kind gut?

Schwerhörigkeit bei Kindern kommt häufiger vor, als viele Menschen glauben. Vor allem gering und mittelgradige Hörstörungen werden noch immer zu spät erkannt.


Wenn Schwerhörigkeit rechtzeitig erkannt wird, kann dank der modernen Technik und der früh einsetzenden audiopädagogischen Unterstützung sehr viel erreicht werden. Mittels Hörscreenings, welche in Österreich bei Neugeborenen durchgeführt werden, kann ehest möglich eine optimale kindgerechte Diagnostik erfolgen. Diese bildet die Basis für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ärzten, Hörgeräteakustikern und Audiopädagogen. Bei vielen Kindern wird eine Schwerhörigkeit oft erst im Kindergarten wahrgenommen, da sie es verstehen, sich in ihrem engsten Umfeld, in der Familie anzupassen und ihr Defizit durch große Aufmerksamkeit auszugleichen. Je früher jedoch die audiopädagogische Betreuung einsetzt und die Hörgeräteversorgung gewährleistet ist, desto besser kann sich das betroffene Kind in seinem Umfeld – zurechtzufinden und mit seiner Umgebung kommunizieren. Oft wird Schwerhörigkeit bei Kindern nicht sofort bemerkt, sondern erst die Folgeerscheinungen daraus wie z. B. mangelnde Aufmerksamkeit und Ausdauer, Konzentrationsschwäche, emotionale Unsicherheit, Gehemmtheit und sozialer Rückzug oder Auffälligkeiten in der Sprache. 

Die Auswirkungen der Schwerhörigkeit werden oft unterschätzt. Es ist zu beachten, dass die Situation eines schwerhörigen Kindes eine völlig andere ist, als die eines schwerhörigen Erwachsenen.

Wie kann man Schwerhörigkeit bei Kindern erkennen?

a) Auffälligkeiten in der Sprache:

Das Kind verwendet manche Laute gar nicht, andere werden falsch gebildet. Davon betroffen können insbesondere die Zischlaute sein;  t / k, d / g, l / n, sowie m / p werden häufig miteinander vertauscht. Diese Fehler können beim Sprechen oder beim älteren Kind auch beim Schreiben auftreten.

- Das Sprechtempo kann zu schnell, zu langsam oder unrhythmisch und monoton sein
- Endungen oder Vorsilben werden weggelassen
- Der Einsatz der Stimme kann besonders laut oder extrem leise sein
- Es kann zu Auslassungen von Wörtern oder Satzteilen kommen, Umstellungen in der Satzstruktur  und mangelnde Beherrschung der Wort- und Satzbildung
- Wort- und Sprachschatz können gegenüber dem hörenden, gleichaltrigen  Kind reduziert sein.
- Das Kind kann dann komplexen Aufforderungen nur folgen, wenn diese situationsbezogen sind; Verstehen der Sprache über Beobachtung einer Handlung. Redewendungen oder Wortspielen kann manchmal nicht gefolgt werden.


b) Auffälligkeiten in der Höraufmerksamkeit:

- Keine Reaktion auf Ansprache von hinten oder häufiges Nachfragen
- Aufträge nicht oder nur ungenau ausführen
- die Schallquelle suchen
- Höreindrücke nicht einordnen können
- Erschrecken in Alltagssituationen

c) Auffälligkeiten im Verhalten:

- Hinweise auf Schwerhörigkeit bei Kindern können sich auch aus dem Verhalten ergeben. Mögliche Folgeerscheinungen einer nicht erkannten Schwerhörigkeit
- emotionale Unsicherheit
- Gehemmtheit und sozialer Rückzug
- Unflexibilität im Kontakt zu anderen Kindern, Ängste
- stark angepasstes  Verhalten (z. B. wenn alle lachen mitlachen) oder total
- unangepasstes Verhalten (z. B. immer im Mittelpunkt stehen wollen).

Arten der Schwerhörigkeit

Schwerhörigkeit ist ein mehr oder weniger eingeschränktes Hörvermögen, das
jedoch das Hören von Sprache und des eigenen Sprechens erlaubt, wenn auch unter Umständen nur mit Hilfe eines Hörgerätes. Wir unterscheiden nach Ort der Schädigung:

Schallleitungsstörung -  eine Beeinträchtigung des Außen- und Mittelohres, Schall- leitungsschwerhörigkeit beruht auf einer Störung der Schallzuleitung. Es kann der Gehörgang, die Beweglichkeit der Knöchelchen im Mittelohr oder die Elastizität des Trommelfells beeinträchtigt sein. Eine (leichte) Schallleitungsschwerhörigkeit ist nicht immer rasch zu erkennen, soll jedoch immer behandelt werden und lässt sich häufig medizinisch deutlich verbessern.

Schallempfindungsstörung - eine Schädigung des Innenohres (der Cochlea), des Hörnervs oder der Hörverarbeitungszentren im Gehirn. Diese beruht auf einer Beeinträchtigung der Haarzellen (Sinneszellen) in der Hörschnecke oder der nachgeordneten Nervenbahnen und Hirnzentren, in denen Höreindrücke wahrgenommen und verarbeitet werden. Bei einer Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) ist das Kind trotz guter Hörleistung in der Höraufmerksamkeit beeinträchtigt.

Diagnostik

Ein Hörscreening wird am  2. oder 3. Lebenstag durchgeführt. In Österreich werden heute über 60% aller Neugeborenen untersucht und bei positivem Screeningbefund weiter abgeklärt. Dies erfolgt bei Säuglingen mittels BERA (Brain Electric Respons Audiometrie), bei Kleinkindern in Form der Reflex- und Verhaltensaudiometrie, und etwa ab dem 2. Lebensjahr mittels Spielaudiometrie, also mit Testmethoden, die dem Entwicklungsstand der Kinder angepasst sind. Für eine optimale Anpassung und Einstellung der Hörgeräte sind eine  Messung mittels Tonaudiometrie (im Freifeld, sowie Luft- und Knochenleitung mit Kopfhörern) wichtig. Audiopädagogen  bereiten Kinder in Zusammenarbeit mit deren Eltern auf Untersuchungen und Hörmessungen vor und arbeiten hier eng mit dem Facharzt und Hörgeräteakustiker zusammen.

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“
Ludwig Wittgenstein

Ein weiteres Hörmessverfahren ist die Sprachaudiometrie. Sie stellt mit dem Sprachtest eine wichtige Grundlage für die Anpassung und die Bewertung der Effektivität von Hörgeräten dar.

Die Impedanzmessung mit dem Tympanometer misst die Beweglichkeit des Trommelfells und gibt Aufschluss über mögliche Mittelohrprobleme. Einen weiteren diagnostischen Hinweis auf ein Mittelohrproblem kann der Unterschied in der Messkurve von Luft- und Knochenleitung sein.

Gehörlose Kinder, die in den ersten Lebensjahren mit einem Cochlea Implantat versorgt werden, reagieren in der Regel wie schwerhörige Kinder. Cochlea Implantate kommen zum Tragen, wenn trotz optimaler Hörgeräteversorgung keine Sprachwahrnehmung und –verarbeitung möglich ist.


Die Bedeutung des Hörens für die psychische und physische Entwicklung des Kindes.

Wenn der erste Verdacht auf eine Hörschädigung eines Kindes auftaucht, wird man ehest möglich eine diagnostische Abklärung durchführen. Bestätigt sich der Verdacht, so ist die ärztliche Diagnose oftmals ein Schock für die Eltern. Alle elterlichen Vorstellungen über die Entwicklung des Kindes, die Schullaufbahn, die Berufswahl, scheinen vor dem Hintergrund einer völlig unbekannten Situation plötzlich in Frage gestellt. Gerade in dieser Phase ist es für Eltern wichtig, nicht alleine gelassen zu werden. Der Kontakt zu entsprechenden Beratungsstellen kann Eltern in ihrem Umfeld unterstützen, gibt Informationen und zeigt neue Perspektiven auf.

Am Anfang ging es erst einmal drum die Situation zu verarbeiten. Natürlich haben wir uns viele Fragen gestellt, auf die es keine Antwort gibt. Gerade da hat uns professionelle Hilfe gut getan. Es ist wichtig, dass die Frühförderin uns Eltern Anregungen und Ideen gibt, die wir dann im Alltag umsetzen können.“

Karin SCHERF, Mutter  von Fabio, Valerio und Chiara. Die Tochter ist mit zwei Cochlea-Implantaten versorgt.


Die anfängliche Unsicherheit Eltern schwerhöriger Kinder mündet meist in die zentrale Frage: „Kann mein Kind sprechen lernen, wenn es wenig oder kaum hört?“ Darauf gibt es nur eine Antwort:

Jedes schwerhörige Kind kann Sprache erlernen!

Für den Erwerb der Lautsprache sind die ersten Jahre entscheidend. Deshalb muss Frühförderung schwerhöriger Kinder so rasch wie möglich nach der Diagnose des Hörschadens beginnen. Die Folge eines Hördefizits in früher Kindheit ist nicht nur eine Erschwerung des Spracherwerbs. Schwerhörigkeit kann sich auf die Gesamtentwicklung verzögernd auswirken und Ursache für psychische und soziale Probleme sein.

Schon im Mutterleib nimmt ein Kind Klänge und Geräusche wahr; ab der 24. Schwangerschaftswoche reagiert es bereits auf das Gehörte. Die Reifung und vollständige Ausdifferenzierung der Hörbahnen im Gehirn erfolgt nach der Geburt und wird durch akustische Reize angeregt. Etwa bis zum vierten Lebensmonat entwickeln sich die einzelnen Sinnessysteme isoliert; im Alter von vier bis sechs Monaten steigt der Einfluss des Hörsinns auf die Sinnesentwicklung und Sprachentwicklung. Kinder nehmen ihre eigene Stimme bewusst wahr und beginnen, mit der Sprache zu spielen. Ist der Hörsinn beeinträchtigt, verlieren Kinder die Neugierde, Laute auszuprobieren und „verstummen“ in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres bzw. reduzieren ihre Lautproduktionen. Alle Mütter reden mit ihren Babys. Diese Botschaften sind für das frühe soziale Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung von großer Bedeutung.

Verstärkter Zuspruch und bewusste Teilhabe am Alltag sind für schwerhörige Kinder ein wichtiger Ausgleich. Der Weg eines schwerhörigen Kindes ist in vielerlei Hinsicht eine große Herausforderung für das Kind selbst und dessen Familie. Es steht in einer ständigen Anforderung, was Hörleistung, sprachlicher Ausdruck, soziale Rollenfindung und Selbstbehauptung betrifft. 


Wie lernen Kinder sprechen?

Was fördert die Sprachentwicklung bei (schwerhörigen) Kindern?

Der Prozess der Sprachaufnahme und –verarbeitung läuft im allgemeinen so mühelos ab, dass wir uns kaum Gedanken darüber machen. Spracherkennung ist eine Leistung des ausgereiften Gehirnes. Diese Detailausreifung braucht einerseits externe Reize, und anderseits die intakte Verarbeitungsleistung. Grundlagen der gesprochenen Sprache sind deren Phonologie (Laute unserer Sprache), Semantik (Wortbedeutung) und Syntax (Satzbau). Das Neugeborene nimmt bereits prosodische Elemente (Sprachmelodie) der mütterlichen Sprache auf. Später, um das vierte Lebensjahr  bilden sich semantische Strukturen heraus. Die Syntax festigt sich überhaupt erst um das 15. Lebensjahr.  Kinder entdecken Sprachstrukturen und bauen so Sprache auf.

Die Sprachentwicklung gilt in der Zeit vom vierten bis zum siebenten Lebensjahr als abgeschlossen. Es ist Aufgabe der hörenden Mitwelt, schwerhörigen Kindern auch danach durch reiches Angebot Sprache zu erhalten und weiter auszubauen.

Förderliche Rahmenbedingungen für den Spracherwerb sind zusätzlich zu einem guten Sprachvorbild und einem differenzierten Sprachangebot:
-    alltägliche Handlungen sprachlich begleiten
-    Sprechfreude erhalten und fördern
-    aufmerksames Hinhören, was das Kind sagen möchte
-    Kontakt zu gleichaltrigen Kindern
-    Rückmeldung geben („korrektives Feedback“) Wenn das Kind zum Beispiel sagt: „Macht Metterhint da?“ antwortet die Mutter: „Ja, schauen wir, was der Schmetterling da macht.“
-    Gesprächssituationen aufgreifen und nützen
-    Einsatz von Reimen, Fingerspielen und Liedern


Wo finden schwerhörige Kinder und deren Eltern Unterstützung?

-    bei HNO Ärzten und an HNO Abteilungen in Krankenhäusern
-    in Beratungsstellen an denen Audiopädagogische Frühförderung und Familienbegleitung angeboten werden
-    in Selbsthilfegruppen anderen Elterninitiativen
-    bei Diplomierten Logopäden mit dem Schwerpunkt Hörschädigung

„Hörbehinderung trennt vom Menschen, Frühförderung öffnet die Tür zum Menschen“

Dir. Johannes Mathis, Leiter des Landeszentrums für Hörgeschädigte, Vorarlberg


Audiopädagogische Frühförderung und Familienbegleitung

- richtet sich an schwerhörige Kinder und deren Eltern
- an Kinder, die mit einem Cochlea Implantat versorgt sind
- bei Bedarf an Tagesmütter und Kindergartenpädagoginnen
- im Übergang zur Schule an Lehrer und Direktoren.

Prinzipien einer audiopädagogischer Frühförderung und Familienbegleitung sind Frühzeitigkeit, ganzheitliche Entwicklungsförderung, Familiennähe und Interdisziplinarität. Audiopädagogische Frühförderung und Familienbegleitung arbeitet in einem Netzwerk von Feldkompetenz (Eltern, Selbsthilfegruppen) und Fachkompetenz (Audiopädagogische Frühförderung, Logopädie, Psychologie, Hörgeräteakustik, HNO-Facharzt). Durch Bereitstellung fachlicher Qualität soll die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft für schwerhörige Kinder und deren Eltern verbessert werden. Eltern und Kinder brauchen früheste Unterstützung, damit der Alltag gelingt.

Ziel ist Integration und Inklusion in allen Lebensbereichen.
Kindliche Entwicklung findet in einem komplexen Sozialisationsfeld mit vielfältigen Wirkfaktoren statt. Das Kind hat aktiven Anteil an der Entfaltung und Gestaltung seiner Möglichkeiten. Das schwerhörige Kind soll von Anfang an Möglichkeiten erhalten, Formen der Kommunikation wahrzunehmen und zu entwickeln. In der Zusammenarbeit mit den Eltern ist Transparenz und Wertschätzung unterschiedlicher Sichtweisen Grundlage für konstruktives Miteinander.

Dieses wechselseitige Zusammenwirken, das dialogische Prinzip ist Ziel und Methode in der Arbeit mit hörgeschädigten Kindern.

Kinder erleben und entdecken in der Kommunikation, in den Hör-Sprachspielen eine Sprachstruktur und, dass es eine akustische Welt gibt. Daraus entsteht die Erfahrung, dass (Sprach)Geräusche nicht zufällig geschehen, sondern eine Bedeutung haben. In der Folge entdecken sie, dass man mit gesprochener Sprache etwas bewirken kann. 

Der Dialog ist Ziel und Methode in der Arbeit mit hörgeschädigten Kindern:

Anfangs sprechen Eltern in einer Art „Doppelrolle“ für das Kind und für sich. Sie fangen Sprachäußerungen des Kindes auf und geben Antwort. Das ermöglicht dem Kind in einen „Handlungsdialog“ einzutreten. Können solche Handlungsdialoge im Alltag genützt werden, ergibt sich daraus die sicherste Grundlage für die auditiv-verbale Förderung schwerhöriger Kinder.

Hörerziehung und Hörtraining sind wichtig, um aus dem Hörgerät oder dem CI ein „Verstehgerät“ werden zu lassen. Höreindrücke ergeben sich im Alltag. Nur wenn das Kind Gewinn aus seinen optimal angepassten Hörgeräten zieht, wird es diese mit Freude nutzen. Das gleiche gilt für die Versorgung mit einem Cochlea Implantat. So steht im Zentrum der auditiv-verbalen Förderung immer die Entwicklung eines Hörbewusstseins.

Als sprachfördernde Spiele sind alle Spielformen zu bezeichnen, die Sprachanlässe spielerisch nutzen. Das beginnt beim einjährigen Kind mit dem Benennen der Gegenstände und Handlungsabläufe des täglichen Lebens, setzt sich fort in einfachen Anweisungen, Versteck- und Ordnungsspielen. Genauso lassen sich viele im Handel erhältliche Regelspiele mit etwas Phantasie in sprachfördernde Spiele umfunktionieren. Besondere Bedeutung für die Sprachförderung haben problemlösende Alltags-geschehnisse. 

Diese Alltagsgeschehnisse sind u. a.  Inhalt des Erlebnis- oder Tagebuches, in dem Eltern  die scheinbar unwichtigen alltäglichen Erlebnisse ihres Kindes festhalten. In diesem persönlichen „Bilderbuch“ finden sich Reaktionen des Kindes in unterschiedlichsten Situationen; dazu werden Sprachstrukturen, der Inhalt eines kleinen Gespräches notiert.

Das Kind wird mit Hilfe des Tagebuchblattes zum gleichwertigen Gesprächspartner. Es kann zeigen und  ausdrücken, worum es geht.
In weiterer Folge weckt das Erlebnisbuch die Neugierde auf die Schrift. So erfolgt der Einstieg ins Lesen mittels des Erlebnisbuches, anhand persönlicher Ereignisse und das Erlebnisbuch wird zum ersten Lesebuch des Kindes.
Im Rollenspiel wird das dialogische Prinzip in spielerischer Form aufgegriffen und in vielfältiger Weise umgesetzt. Dazu eignen sich vor allem das Puppenhaus, Playmobil, szenisches Material wie Verkleidungskiste, der Kaufmannsladen u. v. m. Genauso wie mit dem Erlebnisbuch können Situationen vorbereitet oder Erlebtes vertieft werden.

Funktionelle Übungen, wie sie aus der Sprachheilpädagogik und Logopädie bekannt sind, dienen der Übung der „Sprechwerkzeuge. Da der Sprechvorgang als gesamtkörperliches Geschehen zu sehen ist, ergänzen sensomotorische Förderung        und Artikulation einander.

Rhythmisch-musikalische Angebote gehen u. a. auf die Bedeutung der Prosodie im Sprechen ein. Auch schwerhörige Kinder singen gerne.

Sprache ist mehr als  reden können, über einen angemessenen
Wortschatz verfügen, grammatikalische Regeln zu verstehen,
Inhalte weiterzugeben. Wenn Kinder Sprache als Instrument
entdecken, erfahren sie,   was sie alles verstehen, wenn sie
Sprache verstehen.“

Heidi HELDSTAB-NEF, Logopädin, Audiopädagogin


Gebärdensprache / Bilingualität
Die Mehrzahl der Eltern hörgeschädigter Kinder sind hörend und wünschen sich eine möglichst gute soziale Integration in die Familie und deren Umfeld (Freundeskreis, Kindergarten, Schule, etc.). Anders ist es bei Eltern, die in der Gehörlosen-gemeinschaft verwurzelt sind. Sie vermitteln ihrem Kind die Gebärdensprache als „Muttersprache“ und  wollen, dass ihr Kind die Lautsprache zusätzlich erwirbt. Ziel soll immer eine möglichst altersgemäße Kommunikationsfähigkeit sein.

Audiopädagogen begleiten gehörlose und hörende Eltern in ihrem Bemühen, die Entwicklung ihrer Kinder optimal zu unterstützen und zu fördern.

Der Schlüssel zur Bildung ist für alle Kinder und Jugendlichen der Erwerb der Schriftsprache. Grundvoraussetzung dafür ist eine Sprache, reich an Begriffen, im Dialog entwickelt und lebendig im kommunikativen Umgang. Erst damit steht der Zugang zu zeitgemäßen Informationsquellen offen.

Audiopädagogen sind „Kommunikationsfachleute“, die Kinder im Erschließen eines Sprachsystems unterstützen und die Eltern, Kindergartenpädagogen und andere Partner anleiten in der Förderung und Begleitung schwerhöriger Kinder.

Damit der Paragraph 7 der Österreichischen Bundesverfassung Verwirklichung findet:
Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden (§ 7 B-VG, 1997).


Redaktion und Bearbeitung:
Christine Kiffmann-Duller, Sonderkindergartenpädagogin, Audiopädagogische Frühförderin und Supervisorin, Steiermark
Andrea Meyer, Sonderkindergartenpädagogin, Audiopädagogische Frühförderin,  Leiterin  der  OHTB, Frühförderstelle, Wien
Gabriela Toth, Sonderkindergartenpädagogin, mit Schwerpunkt  Hörbehinderung, Wien

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Verfasser
im Jahre 2011   

Österreichische Schwerhörigen Selbsthilfe ÖSSH
Tel: 0681 / 207 470 56
E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! 
Homepage: www.oessh.or.at 

„Konstruktive Kommunikation“

Souverän Konflikte lösen mit gewaltfreier Kommunikation

Im Alltag haben wir es oft mit Interessensgegensätzen, Ängsten und Unsicherheiten zu tun. Dadurch entstehen Konflikte und Konfrontationen. Wenn dann noch Kommunikationsschwierigkeiten oder Missverständnisse dazukommen, wird oft unnötige negative Energie freigesetzt. Manchmal kann eine Situation auch eskalieren…..

Weiterlesen: Seminar

Hier finden sie alle Termine gesammelt, die innerhalb der ÖSSH passieren

Hier finden Sie alle Termine gesammelt, die innerhalb der ÖSSH passieren:
Veranstaltungen, Ausflüge, Besuche, Schwerhörigentreffen, Selbsthilfegruppen, CI-Serviceangebote, Österreichische Tinnitusliga SHG, und andere……

 

Weiterlesen: Übersicht Termine

Opferrolle?

Gerade im Schwerhörigenbereich treffe ich immer wieder Menschen, die sich als Opfer dieser Gesellschaft, ausgegrenzt, zurückgesetzt, unbeachtet und nicht verstanden fühlen. Auch im engsten Angehörigenkreis geht dieses Verständnis verloren, ja es kann oftmals auch gar verstanden werden, weil die Voraussetzungen fehlen.

Als Opfer kann man durchaus Eindruck erwecken, dass man schwach und hilflos ist, angewiesen auf eine Hilfe, die in vielen Fällen eben nicht gewährt wird. Wie ein Bettler an der Straßenecke, inmitten des vorbeifließenden Menschenstroms wartend auf die Brosamen kleinerer Gesten des Wohlwollens.

Ich hingegen meine, es ist nicht unser Weg, nicht der Weg und nicht die Rolle, in der wir wirklich ernst genommen werden. Es mag sein, dass uns der eine oder andere Wunsch erfüllt wird, mit der Genugtuung, eben einen Hilflosen unterstützt zu haben.

Aber in dieser Rolle des Opfers bleiben wir Bettler, es verändert sich nichts Grundsätzliches, weil wir uns selbst nicht verändern.

- Sollten wir daher nicht unsere Opferrolle ablegen und versuchen, unser Leben, unsere Behinderung, unser Behindert-Werden, unsere Geschichte anzunehmen, zu akzeptieren.

- Sollten wir nicht aufhören, immer nur die anderen für unser Leben verantwortlich zu und selber unser Leben gestalten

- Sollten wir nicht auch das oftmalige Scheitern in der Kommunikation in unser tägliches Leben einbauen, integrieren, um die Grenzen aber damit zugleich die Möglichkeiten in uns zu entdecken. Darin steckt die Selbstentfaltung.

Wir sind in unserer Behinderung ebenso einmalig und mit unzähligen Fähigkeiten ausgestattet, das alles geht im Beharren der Opferrolle allzuleicht verloren.

Wir dürfen nicht länger Opfer sein sondern müssen zu Tätern in dieser Gesellschaft werden:

- Wir sind es, die unserer Umgebung Hilfen anbieten müssen, damit sie begreifen, welche unendliche Bedeutung Hören hat

- Wir sind es, die unsere Umgebung, am Arbeitsplatz, im Angehörigenkreis gestalten müssen, vom taktischen Verhalten bis zum technischen Einsatz

- Wir sind es, die unsere Lebensqualität selbst schaffen, das kann fremde Hilfe nicht, aber es ist die Voraussetzung, damit Hilfe wirksam werden kann

Jede Brücke zum anderen und zu den anderen muss immer von zwei Seiten zu gleichen Teilen gebaut werden, um sich in der Mitte zu treffen.

Ihr Hans Neuhold