„Vertrauen in sich selbst“

Vom Wesen einer SELBST-HILFE

Selbsthilfegruppen – oder wie immer sie auch heißen mögen - sind heute aus dem Sozialwesen nicht mehr wegzudenken. Hier finden sich Menschen, die für eine Behinderung, ein Leid, eine Erfahrung ihres Lebens durch das Teilen (Mitteilen) mit anderen neue Lösungsmöglichkeiten und Strategien für sich selbst zu entwickeln suchen.
Hauptinhalt einer Selbsthilfegruppe ist das gemeinsame Gespräch über sich und über gemachte Erfahrungen. Genau hier aber ist die Besonderheit einer Schwerhörigengruppe:
Das Sprechen selbst, das Hören und Hinhören (auf andere), das miteinander Kommunizieren ist bereits das Problem. Was andere Selbsthilfegruppen als Mittel verwenden (das Miteinander reden) ist hier die angestrebte Lösung.
d.h. es müssen schon vorweg Lösungen gesucht und entwickelt werden, um über die Kommunikationsbehinderung zu kommunizieren: Gesprächsleitung, Raum, neutraler Ort, Höranlagen und Hörhilfen, Licht, Artikulation,.... all das spielt eine Rolle
Warum gibt es noch viel zu wenige Selbsthilfegruppen oder Gruppen  für Schwerhörige?

Wer selbst erlebt, dass Kommunikation in der Arbeit, zu Hause, unter Freunden schwierig ist, hat nicht viel Mut, dies auch in einer weiteren Gruppe zu probieren und zu erleben. Vielfach sind Schwerhörige mutlos, haben Angst vor Kontakten, ziehen sich eher zurück und haben wenig Vertrauen zu sich selbst und auch zu anderen.

    Lange Zeit versuchen sie, es schon irgendwie zu lösen, sich durchzuschlängeln und Schwerhörigkeit nicht zum Thema zu machen, für sich nicht und auch nicht mit anderen. Man möchte versuchen, doch nicht zu den Schwerhörigen zu gehören. Genau das erfordert viel Anstrengung und Aufwand.

 Ausgangspunkt der Gruppe ist die gemeinsame Betroffenheit. Zur Umgang miteinander gehören: Freiwilligkeit, Verschwiegenheit, Verbindlichkeit, Verantwortlichkeit füreinander...


 I.   DU ALLEIN SCHAFFST ES, ABER DU SCHAFFST ES NICHT ALLEIN
 Das eigene Unvermögen, nicht mithalten zu können mit anderen, führt also viel eher zum Rückzug, zum Verzicht, als zu einer Anstrengung, dieses Problem zu lösen.
    Viele nehmen ihre Schwerhörigkeit nicht als Herausforderung an, sehen und kennen keine Möglichkeiten und Strategien, es wird ja auch in der Öffentlichkeit möglichst wenig davon gesprochen.  Das vielleicht doch eines Tages getragene Hörgerät wird eher geduldet als angenommen. Eine Akzeptanz ist ein langer Weg, den viele nicht gehen können.

    Es braucht für eine Selbsthilfegruppe immer jemanden, der von sich aus, als Betroffener den Kontakt sucht, einlädt und das Thema offen anspricht. Der auch das Gespräch leitet und auf die Voraussetzungen einer Mindestkommunikation achtet.

Später muss sich die Gruppe selbst führen, d.h. es darf nicht immer alles von einer Person ausgehen und die anderen sind Teilnehmer oder bloß Erwartende. Damit wird eine Begutachterrolle eingenommen und man sagt sehr bald: Da ist nichts mehr los! Stichwort: Verantwortlichkeit geht jeden an!

   Also müssen Zuständigkeiten (für Themen, Erlebtes, Gelesenes, Unzulänglichkeiten, Informationen, Vorhaben, aber auch Voraussetzungen für Raum, Gemütlichkeit, Feste, Getränke ..usw.) verteilt werden.

Den Nutzen einer Selbsthilfegruppe bestimmt immer jeder einzelne selbst. Wer nichts einbringt, kann auch nichts erwarten, das gegenseitige Geben und Nehmen ist von Bedeutung. Das muss von vornherein klargestellt sein und immer wieder werden. Geselligkeit darf nicht zu kurz kommen. Gemeinsame Unternehmungen fördern das Gruppenbewusstsein.

 Nicht bloß das Gespräch miteinander ist wichtig, sondern es sollen auch gezielte Informationen durch Fachleute eingeholt werden. Bezüglich Verbesserungen in der Öffentlichkeit sollen Gespräche mit Verantwortlichen gesucht werden (Gemeinde, Sozialeinrichtungen, Kirchen, ...). Unter dem Motto: Gemeinsam sind wir stark (oder scherzhaft: Gemeinsam sind wir unausstehlich!)

 Denn: Kein Problem dieser Welt wird gelöst, wenn man träge darauf wartet, bis ein Zuständiger sich kümmert

Das Ziel ist: Im Miteinander es für sich zu schaffen (Gemeinschaft erleben). Formen und Strategien zu finden, die eine bessere Lebensqualität ermöglichen, es möglich machen, seinen eigenen Weg zu finden.

Weitergehen

Dieses Gefühl macht groß
Über dem Leben zu stehen
Der Überwinder zu sein
Dann weiterzugehen...
 
Verjüngt und berauscht
Fühlt man sich dann
Im Schmelze des Glücks
Das Herz schwillt singend an

Dieses Gefühl macht stark
Über dem Leben zu stehen
Und seien es nur wenige Sekunden
Dann weiterzugehen

(Helga Kropp)

 

II. Das beste Mittel, sich selbst kennen zu lernen, ist der Versuch, andere zu verstehen (Andre Gide)

Der Austausch in der Gruppe kann neue Lösungen aufzeigen. Man merkt, dass es anderen gleich oder eben auch ganz anders geht. Es gibt keine „gleichen“ Schwerhörigen. Das führt von sich selbst ein wenig weg und die Beobachtung seines eigenen Lebens und seiner Erfahrungen kann besser gelingen.

Die Annahme seiner eigenen Hör-Behinderung, die Akzeptanz, dass es so und nicht anders ist, ist die Grundvoraussetzung, die Herausforderung im alltäglichen Leben einigermaßen zu schaffen.

In der Gruppe lernt man das Sprechen, über sich, über die Behinderung, das kann Mut machen und kann Vertrauen wecken, die Kommunikation in einer solchen Umgebung doch mit verschiedenen Hilfen (Technik, Methodik, Hörtaktik ...) und mit Geduld und Ausdauer zu schaffen.

     Die Gruppe selbst ermöglicht so einen Lernprozess für den Einzelnen. Man redet nicht bloß über Strategien, man übt sie aus, man probiert und macht seine Erfahrungen damit. Das ist etwas ganz Wesentliches in einer Schwerhörigengruppe. Solche Strategien können dann auch bei Unternehmungen, Ausflügen, Besichtigungen usw. gemeinsam angewandt werden und man verliert langsam die Scheu, sich zu seiner Behinderung zu bekennen, sie zu leben.

 Zum Verstehen  des Anderen gehören auch die Guthörenden, ihr Problem ist nicht minder groß, aber sie wissen ebenso keine Lösungen und stehen oftmals hilflos da. Betroffenheit kann auch Mitbetroffenheit auslösen. Informationsveranstaltungen der Gruppe selbst können dabei hilfreich sein.

Aber: Die Grenzen sollen nicht verwischt werden, im Gegenteil, sie müssen erkannt (von jedem einzelnen!) und auch ausgesprochen werden. Ein Schwerhöriger bleibt trotz aller Technik (Hörgeräte und Hilfsmittel) ein Schwerhörender, er kann sich selbst nicht an den Guthörenden messen, ebenso wenig dürfen dies die Guthörenden tun.

   Diese Missverständnisse sind großteils auf Informationsmangel zurückzuführen. Folder und Texte des ÖSB (Österr.Schwerhörigenbund) können eine Hilfe sein.

Einen anderen verstehen, heißt zuallererst, sich selbst zu verstehen. Ein anderer Mensch ist wie ein Spiegel, in dem ich mich selbst besser sehen und erleben kann. Die Gemeinschaft einer Gruppe kann helfen, auch „Durststrecken“ in seinen Problemen zu überwinden.

 Saint Exupery beschreibt das so:

 Sind wir durch ein gemeinsames Ziel,
das außer uns liegt,
brüderlich miteinander verbunden,
dann erfahren wir:
Liebe besteht nicht darin, dass wir einander anschauen,
sondern dass wir gemeinsam
in dieselbe Richtung schauen.

Kameraden sind nur solche,
die sich in derselben Seilschaft vereinen
und demselben Gipfel entgegensteigen,
um sich selbst zu finden.

Warum beglückt es uns so tief, wenn wir,
im Zeitalter des Komforts,
unsere letzten Lebensmittel in der Wüste
miteinander teilen können.
 

III. Wenn du nicht kannst, was du willst, dann wolle, was du kannst

(Leonardo da Vinci)

 Wo liegen Lösungen und Ziele einer Schwerhörigengruppe?

   Das Vertrauen in sich ist ein mühsamer Prozess, der nie abgeschlossen ist. Schwerhörige brauchen ihre eigene Welt, in der sie stark sind, brauchen ihren eigenen Weg, den sie gehen können, um auf eine andere „guthörende“ Welt ohne Aggression und Vorurteile zugehen zu können und sich dort zurechtfinden.

    Nicht als „gleiche“ Menschen, sondern als „andere“ – ein Lernprozess einer Selbsthilfegruppe. Wie soll diese „Welt der Schwerhörigen“ aussehen? Gibt es sie überhaupt? Soll es sie geben?

Sie ergibt sich aus den vielfältigen Problemen der Schwerhörigkeit

-         nicht mehr mithalten können, zB. in einer Nebenbei-Kommunikation, ständige Gefahr des Misslingens, das erzeugt Angst und diese hemmt jede beginnende Kommunikation

-         ständige Fehleinschätzungen („Du hörst ja doch gut“, „Du hörst nur, was du willst“, „Du hast doch Hörgeräte“, Pass eben besser auf“, Du kannst ja Absehen“ – man traut sich nicht mehr darüber reden

-         ständige Anstrengung beim Hören und Verstehen, das Kämpfen um Teile zerstört das Erfassen einer Gesamtheit, die Bitte um Wiederholung lähmt Spontanität, die hohe Anforderung für den Schwerhörigen (totale Kommunikation – Absehen, Gestik, Mimik...) ergibt Stress

-         falsche Antworten geben Anlass zu Gelächter (Niemals bei einem Blinden!)

-         man wird für begriffstutzig gehalten, wenn nicht gar für dumm – das macht das Selbstwertgefühl zunichte, man verliert den Mut, ständig um etwas zu bitten und Möglichkeiten zu suchen

-         Man fühlt, wie man für andere eine Belastung ist, Kommunikation wird gemieden, oder wird zum Zwang, hohe gegenseitige Erwartungen hemmen

-         mangelnde und schwierige Kommunikation lässt den Graben zwischen Menschen, Partnern, Freunden immer tiefer werden, Brücken werden weniger tragfähig, Selbstvertrauen und Vertrauen schwinden, Beziehung lebt von gelingender Kommunikation (Klang und Prosodie der Sprache), Verstehen hat mit Verständnis zu tun

Es gibt viele bleibende Grenzen der Schwerhörigkeit, die man nicht durchbrechen kann. Jede Behinderung braucht ihren Freiraum, um damit umgehen zu lernen, eine ständige Anpassung lässt das je Eigene (auch Positive) verschwinden.

   Behinderung ist das Missverständnis zwischen den Fähigkeiten eines Individuums und den Funktionen, die ihm die Gesellschaft abverlangt (Definition aus Norwegen).

Lernziele für eine Schwerhörigengruppe sind: 

-         Erfahrung, ich bin nicht allein mit meinen Problemen (Gefühl)

-         ich muss meine eigenen Strategien finden, muss wissen, was ich kann und nicht kann, muss mich durchsetzen lernen und zugleich abgrenzen

-         Ich muss selbst meine Umgebung gestalten, um dabei sein zu können

-         sich immer wieder Freiraum schaffen – Hörpausen, zeitweiliges Zurückziehen

-         ich muss den Mut haben, Nein sagen zu können, wenn mich etwas überfordert, das „anders sein“ ist erlaubt!

-         Welche Fähigkeiten sind in mir, trotz meiner Hörbehinderung, wo kann ich diese einsetzen, was kann ich für andere und mit anderen  tun

-         Freundschaft erleben und schenken „Eine Freundschaft kann dem hörgeschädigten Menschen Halt geben, denn ein egoistische Zurückziehen auf sich selbst ist gefährlich – ein Sorgen und Denken für andere wird dagegen erfrischend und belebend auf sie wirken“. (Margaretha von Witzleben)

-         Erfahrung, ich bin etwas wert für andere, ich kann mich selbst einbringen und Gutes tun

-         Toleranz im Umgang, in der Kommunikation mit anderen (Schwerhörigen und Guthörenden), dazu brauche ich mein Selbstwertgefühl „ich bin nicht schlechter als andere“

-         Ungestörte – wenn auch schwierige - Kommunikation mit Seinesgleichen, Einüben  von Kommunikationsmodellen

-         gezielter Einsatz von Technischen Hilfsmitteln, gemeinsames Lernen, Suche nach neuen Mitteln – aber ich bin nicht nur mit Technik ein Mensch

-         dazugehören dort, wo ich will und kann (Grenzen feststellen und verdeutlichen)

-         meine Fähigkeiten erkennen und einsetzen für andere – ist eine Lebenshilfe

-         Vertretung der Gruppeninteressen in der Öffentlichkeit, Aufklärung über die Bedürfnisse der Schwerhörigen

-         Suchen, was einem Freude macht (Hobby, Aufgaben, Engagement...)

Eine Selbsthilfegruppe, eine Schwerhörigengruppe ist die Chance, sein „anders sein“ zu leben, zu gestalten, auszuformen, von anderen etwas anzunehmen, hinzuhören, Freude und Geselligkeit zu erleben, Sicherheit im Umgang mit seiner Schwerhörigkeit zu gewinnen, für andere etwas zu tun,  sein Können einzusetzen. Wer sich öffnet und neue Wege sucht, kann gewinnen, ansonsten wird der Kreis immer enger. Wer Mut hat, wird auch andere ermutigen können. Wer sich selbst vertraut, wird auch anderen vertrauen können, das ist ein Wechselspiel.

„ ...weil du dazu gehörst"       

Ein jeder von uns
hat eine Rolle in der Welt.

Vielleicht nehmen wir sie nicht ernst,
weil sie so klein ist.

Oder sie ist groß und wichtig
und wir bekommen Angst

von ihrer Wichtigkeit.
 

Nichts ist wichtiger für dich,
als den Platz einzunehmen,
den du hast.

Ihn zu bewohnen, ihn zu erfüllen.
Du gehörst dazu:
zu deiner Familie,
zu deiner Glaubensgemeinschaft,
zu deinem Land,
zu deinem Ort.

Auch da,
wo du dich als Außenseiter fühlst,
gehörst du dazu.

Aus der Distanz siehst du
die Dinge anders,
darin liegt dein Beitrag.
Du bist ein Teil,
ohne dem etwas fehlt.

(aus Ulrich Schaffer ,,. weil du dazugehörst")

 

 Hans Neuhold
Graz, September 2005