Vordenken - Nachdenken

 

 

 

Es macht die Wüste schön, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt“

 

(aus Saint de Exupery „Der kleine Prinz“)

 

 

 

Diese Aussage berührt mich immer wieder aufs Neue. Und immer wieder fallen mir dazu Zusammenhänge mit meinem Leben ein.

 

Oftmals erlebe ich auch mein Leben als Wüste: trocken, endlos, trostlos und öde. Die Eintönigkeit des Alltags lässt diese Stimmung immer wieder aufkommen, die Oberflächlichkeit des Dahinlebens lässt kaum tiefere Hintergründe zu, das Denken geht immer nur nach vorne, an die Arbeit, die nächste Unternehmung, alles will geplant und eingeordnet sein. Man hetzt dahin und vergisst immer wieder, was eigentlich Leben bedeutet und was uns Kraft gibt.

 

Aber im Buch „Der kleine Prinz“ wird klar, dass es keine wirkliche ständige Wüste gibt, zumindest nicht nur Wüste. Denn Wüste oder das Erleben einer Wüste deutet eigentlich erst darauf hin, dass sie im Verborgenen vielfältiges Leben birgt, nicht immer sofort sichtbar und erkennbar. Wann immer wir also Wüste spüren und erleben, dürfen und sollten wir daran denken, dass es irgendwo eine Erfrischung gibt, eine Stelle, die ein Durchatmen und eine Stärkung ermöglicht.

 

So scheint es mir im Leben wichtig zu sein, diese Brunnen im Leben zu finden, wenngleich sie oftmals verborgen sind. Sie sind nicht immer sofort erkennbar, man muss auf die Suche gehen, bevor man in der Wüste des Lebens seelisch und körperlich verdurstet.

 

Brunnen sind meist tief, sie bilden sich aus dem Wasser der Oberfläche, das ganz langsam tiefer und tiefer sinkt, bis es einen dichten Boden findet, der ein Sammeln ermöglicht. Und darauf wartet, geborgen zu werden.

 

So gesehen haben Brunnen ein ruhiges Wasser, das in der Tiefe auf den Durstigen wartet. Es spendet nur dann Kraft, wenn es gehoben wird, an sich gezogen wird.

 

In der Wüste des Lebens, in den Durststrecken unseres Alltags, in der Hektik der Arbeit mag das sehr wichtig sein, dass wir auf die Suche gehen, nach dem, was uns Sicherheit, Ruhe und Kraft geben kann.

 

Es ist gut zu wissen, dass es Brunnen für unser Leben gibt und dass wir uns darauf verlassen können, dass wir sie finden, wenn wir ausgetrocknet sind.

 

Zuvor aber sollten wir nicht vergessen, uns die Stellen solcher Brunnen bewusst zu machen. Wir müssen spüren, dass es sie da und dort gibt, weil wir sie selbst angelegt und mit Inhalten gefüllt haben. Mit dem Grundwasser unseres Lebens.

 

Zu diesem Grundwasser des Lebens gehören für mich drei ganz entscheidende Inhalte: Liebe, Ehrfurcht und Toleranz.

 

Die Liebe zu den Menschen um mich herum aber auch zu mir selbst.

 

Die Ehrfurcht vor den Geschöpfen dieser Welt und der Natur.

 

Die Toleranz, die das Anderssein zulässt, ohne Besserwisserei und Verurteilung.

 

Diese drei Grundsätze machen das Leben lebenswert, man kann immer wieder auf sie zurückgreifen, wenn die Wüste und die Oberflächlichkeit des Lebens Oberhand gewinnt. Um sie im Verborgenen zu finden, muss man allerdings manchmal innehalten und in der Tiefe suchen – wie beim Brunnen in der Wüste.

 

 

 

Ich wünsche mir und Ihnen allen den Mut, die verborgenen Brunnen im Leben zu suchen – weil es das Leben schön macht

 

 

 

Ihr Hans Neuhold