Und wer verändert nun wen?

 

In vielen Leitlinien der Behindertenvereine findet sich die Aussage „wir wollen die Gesellschaft zu Gunsten der Behinderten verändern“. Immer wieder frage ich mich aber, wie ist das nun wirklich mit dieser gewollten und geplanten Veränderung? Welches Bild der Behinderten steht hier dahinter? Ich denke, dass vielfach Behinderte selbst das Bild einer abhängigen und hilfebedürftigen Gruppe nach außen tragen und die so genannte Gesellschaft damit durchaus in der vorherrschenden Meinung unterstützen. Denn, wenn sich die Gesellschaft nicht ändert, dann bleiben wir arm, ausgestoßen und durch Barrieren behindert.

Nun stelle ich aber mir selbst die Frage: Wer soll denn diese Gesellschaft verändern, wenn diese Veränderung nicht zuallererst beim Behinderten selbst vor sich geht. Ich habe bei mir selbst und in meinen Jahren des Engagements mit schwerhörigen Menschen den Eindruck gewonnen, dass Veränderung immer zuerst beim betroffenen Menschen passieren muss. Unter dieser Veränderung verstehe ich die Akzeptanz der Behinderung und zugleich den Willen, meine bestehenden Fähigkeiten einzusetzen, um mit dieser Behinderung positiv zu leben, in dem ich alles vorhandene technische Angebot aber auch alle kommunikativen Chancen nutze und einsetze.

 Der Wille der Veränderung hat mit dem Willen hin zu einem erfüllten Leben zu tun. Niemals kann ich von anderen erwarten, dass sie wissen, was mir gut tut. Schaffen wir Hörbehinderte daher nicht selbst Barrieren, indem wir den Zugang zu unseren Mitmenschen durch unsere ständig artikulierte Hilfsbedürftigkeit blockieren? Wir fordern von unseren Mitmenschen die Bereitschaft, auf uns zuzugehen und vermeiden allzu oft das aktive Zugehen auf die anderen Menschen.

 Hören zu wollen, das Gegebene zu nutzen und sich aktiv einzubringen, das heißt für mich Veränderung meines Lebens und meiner Lebensgestaltung. Es heißt: Meine Behinderung akzeptieren. Wenn diese Veränderung – diese notwendige Selbsthilfe - nicht beim konkreten schwerhörigen Menschen einsetzt, dann fordern wir die Veränderung der Gesellschaft völlig umsonst. Die Geschichte zeigt immer wieder auf, dass notwendige Veränderungen einer Gesellschaft immer von ganz unten ausgehen, von kleinen Gruppen, von Menschen, die Mund, Ohren und Herz bei sich selbst geöffnet haben und dies aktiv in ihre Umgebung eingebracht haben.

 Wir alle sind Teil dieser Gesellschaft, ohne unseren Teil ist diese Gesellschaft ohnehin nur bruchstückhaft, auch bezüglich Veränderung. Wie die Kreise eines ins Wasser geworfenen Steines kann unser selbst verbessertes, bewusst gestaltetes Leben als Schwerhörige Kreise ziehen für eine größere Veränderung bei allen jenen Menschen, die mit uns leben und mit denen wir leben wollen – das ist doch die Gesellschaft, oder?

 Und selbst die Hilfe der politischen Landschaft wird nur in dem Maße eintreten, indem wir mit unserem Leben aktiv innerhalb der uns umgebenden Gemeinschaft Impulse aussenden, Impulse einer Unternehmungslust im Hören und Gehörtwerden.

 meint ihr

Hans Neuhold