Opferrolle?

Gerade im Schwerhörigenbereich treffe ich immer wieder Menschen, die sich als Opfer dieser Gesellschaft, ausgegrenzt, zurückgesetzt, unbeachtet und nicht verstanden fühlen. Auch im engsten Angehörigenkreis geht dieses Verständnis verloren, ja es kann oftmals auch gar verstanden werden, weil die Voraussetzungen fehlen.

Als Opfer kann man durchaus Eindruck erwecken, dass man schwach und hilflos ist, angewiesen auf eine Hilfe, die in vielen Fällen eben nicht gewährt wird. Wie ein Bettler an der Straßenecke, inmitten des vorbeifließenden Menschenstroms wartend auf die Brosamen kleinerer Gesten des Wohlwollens.

Ich hingegen meine, es ist nicht unser Weg, nicht der Weg und nicht die Rolle, in der wir wirklich ernst genommen werden. Es mag sein, dass uns der eine oder andere Wunsch erfüllt wird, mit der Genugtuung, eben einen Hilflosen unterstützt zu haben.

Aber in dieser Rolle des Opfers bleiben wir Bettler, es verändert sich nichts Grundsätzliches, weil wir uns selbst nicht verändern.

- Sollten wir daher nicht unsere Opferrolle ablegen und versuchen, unser Leben, unsere Behinderung, unser Behindert-Werden, unsere Geschichte anzunehmen, zu akzeptieren.

- Sollten wir nicht aufhören, immer nur die anderen für unser Leben verantwortlich zu und selber unser Leben gestalten

- Sollten wir nicht auch das oftmalige Scheitern in der Kommunikation in unser tägliches Leben einbauen, integrieren, um die Grenzen aber damit zugleich die Möglichkeiten in uns zu entdecken. Darin steckt die Selbstentfaltung.

Wir sind in unserer Behinderung ebenso einmalig und mit unzähligen Fähigkeiten ausgestattet, das alles geht im Beharren der Opferrolle allzuleicht verloren.

Wir dürfen nicht länger Opfer sein sondern müssen zu Tätern in dieser Gesellschaft werden:

- Wir sind es, die unserer Umgebung Hilfen anbieten müssen, damit sie begreifen, welche unendliche Bedeutung Hören hat

- Wir sind es, die unsere Umgebung, am Arbeitsplatz, im Angehörigenkreis gestalten müssen, vom taktischen Verhalten bis zum technischen Einsatz

- Wir sind es, die unsere Lebensqualität selbst schaffen, das kann fremde Hilfe nicht, aber es ist die Voraussetzung, damit Hilfe wirksam werden kann

Jede Brücke zum anderen und zu den anderen muss immer von zwei Seiten zu gleichen Teilen gebaut werden, um sich in der Mitte zu treffen.

Ihr Hans Neuhold