Loslassen!

Unlängst sagte jemand nach einer Übersiedlung zu mir, nun habe er gelernt, was Loslassen bedeutet. So vieles hat sich angesammelt im Laufe der Jahre, und er merkte, dass er eigentlich nur wenig davon wirklich braucht. Nun hat er sich von vielen Dingen getrennt und er fühlt sich sogar erleichtert.

Das Wort Loslassen hat mich nach diesem Gespräch beschäftigt, dachte mir, wo kann ich selbst loslassen?

Was kann man überhaupt loslassen?

Als einer, den die Hörbehinderung durch so viele Jahre geprägt hat, dachte ich auch an all die Probleme und Sorgen, die sich ansammeln und die man mit sich herum trägt, die man vielleicht sogar bewusst um sich sammelt, um sich zu schützen, wie ein Wall, damit andere uns nicht zu nahe kommen. Damit nichts Anderes und schon gar nichts Neues auf uns zukommen kann.

Diese Erfahrungen sind mir beim Nachdenken gar nicht so fremd vorgekommen. Als Hörbehinderte von vornherein unsicher geworden im Umgang mit anderen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, einen Wall um sich zu bauen:

- ich werde nicht anerkannt

- niemand nimmt mich ernst

- die anderen schließen mich aus

- ich kann nichts dafür

aber auch:

- niemand soll merken, dass ich schlecht höre

- ich brauche doch kein Hörgerät

- eine Gruppe nützt mir nichts

Loslassen würde bedeuten, sich selbst mit seiner Behinderung auseinanderzusetzen, bedeutet, sein Leben selbst in die Hand nehmen, sein Wissen um die notwendigen Maßnahmen zu erweitern, den anderen zu sagen, was man braucht, die vorhandene Technik nützen, sich einüben im Umgang damit, seine eigene Klagemauer überwinden, zugehen auf andere Mitbetroffene.

Loslassen heißt auch sich selbst loslassen, aufzubrechen, um mit anderen neue Wege finden zu können. Loslassen von der einengenden Behinderung, die zu oft die eigenen Fähigkeiten verdeckt, frei werden, um selbst die Reste seines Gehörs zu nutzen und Verstehen – wo man steht und geht, dann kann selbst unsereiner verstanden werden.

Hans Neuhold