Vorweg eine Geschichte:

Eine Flutwelle hatte eine riesige Menge von Muscheln an das Ufer geschwemmt. Zu Millionen lagen sie da - auf inzwischen trockenem Boden, der heißen Sonne ausgesetzt. Da kam ein Mann und sah einen anderen, wie er am Ufer entlangging und immer neue Muscheln zurück ins Meer warf. "Warum tust du das? Das ist ja niemals zu schaffen. Und man sieht ja gar nicht, was du getan hast! Kein Unterschied ist zu erkennen!" "Das mag sein - doch für die einzelne Muschel ist es schon ein Unterschied!"

Denke an diese eine Muschel, deren Gedeih und Verderben in deiner Hand liegt. Sie zu berühren und sie ins Meer zurückzuwerfen, dort, wo sie wieder leben kann, das ist deine Chance, an dieser Welt Anteil zu nehmen.

In unserer medial aufgebauschten Zeit scheint nur das zu zählen, was sich großartig darstellen lässt, es lässt all das verschwinden, was kümmerlich anmutet und fast nach Nutzlosigkeit aussieht. Die Frage entsteht, mit welchen Maß wir messen und nach welchen Maß wir uns richten. Gehen wir von den Bedürfnissen aus, die heute die Hörbehinderung insgesamt mit sich bringt, die vielfältigen Benachteiligungen, die hartnäckige Verschwiegenheit dieser kommunikativen Behinderung in der Gesellschaft, das Nichtwissen möglicher Lösungen auf beiden Seiten, das psychische sich Zurückziehen so vieler Betroffener – eine wahre Flut, die einem den Mut nehmen könnte. Tatsächlich hat die Flutwelle einer Hörbehinderung hunderttausende Menschen an das Ufer geworfen, und gar viele fühlen sich gestrandet, versehen mit einer stillen Hoffnungslosigkeit, oftmals ausgeliefert den lukrativen Geschäften einer scheinbar technischen oder operativen Machbarkeit.

Ich denke mir, wir sind nicht aufgerufen, der ganzen Flut zu trotzen, wir werden es aushalten müssen, dass unser Tun oftmals belächelt wird, uns die Mittel fehlen, um das Rad herumzureißen und viele Betroffene es nicht wahr nehmen können, unter wie vielen Betroffenen sie sich befinden.

Wir sind bloß angehalten, die Hand eines anderen ganz konkreten Menschen zu nehmen, mit dem wir wieder ins Meer der Menschen, in die Gemeinschaft zurückgehen können und damit die Isolation aufheben. Dies wird die Welt zwar nicht verändern, aber dieser eine Mensch wird einen Freund gewinnen, einen schwerhörigen und dennoch hellhörigen Freund, einen Freund, der Mut macht. Und ab diesem Zeitpunkt sind es bereits zwei, die die Welt nicht mehr so hinnehmen, wie sie ist, sie haben sie bereits verändert und auf diese Weise werden es Tag für Tag mehr werden.

Das Lebensform und Ausrichtung des einzelnen betroffenen Menschen richtet sich nicht an der großen Masse, sondern immer am eigenen Erleben, am Gefühl, „trotz allem“ wieder mit seinen Fähigkeiten leben zu können.

Und das macht schon einen großen Unterschied….

Hans Neuhold