Was hab ich denn davon?

In unseren Vereinen und Gruppen hört man immer wieder die Frage, was habe ich davon, wenn ich Mitglied bin oder werde. Vermutlich hören auch viele andere Vereine, die sich um eine gerechtere Lebensweise von Behinderten einsetzen, diese fast stereotype Fragestellung.

Für mich bedeutet diese Frage, dass wir immer mehr gewohnt sind, zuallererst einmal Nutznießer zu sein, auf seine Geldbörse zu schauen und dann abzuwägen, ob der Gewinn höher ist als der Aufwand.

Ich stelle in diesem Zusammenhang ein paar andere zusätzliche Fragen:

- Wer wird in Zukunft bereit sein, eine Leistung für andere zu erbringen, die wesentlich höher ist als die Gegenleistung?

- Werden sich weiterhin ehrenamtliche Menschen finden, die ihre Zeit und oft auch ihre Mittel einsetzen, um für die Gemeinschaft etwas zu erreichen?

- Wird es eine Gemeinschaft geben können, die dem Einzelnen ein Vielfaches von dem anbietet, was er selber zu leisten bereit ist?

- Wenn wir eine Gemeinschaft mit einem Kuchen vergleichen, dann mag sich jeder ausdenken, wie es ist, wenn alle davon naschen, aber niemand mehr bereit ist, einen solchen zu backen?

Gemeinschaften leben zuallererst davon, dass gegeben, dass geistig und materiell investiert wird, um das Leben der Gemeinschaft und damit das Mitleben der Mitglieder sicher zu stellen. Das verhält sich auch in einer Partnerschaft nicht anders, oder stellt man auch die Frage, was habe ich denn davon, mit meinem Partner ein gemeinsames Leben zu führen? Oder: Was habe ich denn davon, wenn ich Kinder groß ziehe und ihnen ein angemessenes Leben ermögliche?

Auch unsere Schwerhörigengruppen und –vereine sind keine Bedienungsläden, aus denen genommen wird, was andere selbstverständlich aufbereiten. Denn ich kann mir kaum Mitarbeiter vorstellen, denen es in ihrem Engagement vorweg um die eigene Bereicherung und Sicherstellung geht. Wie auch? Etwas für und mit anderen im Sinne der gemeinsamen Bedürfnisse zu unternehmen kann nur dann Sinn machen, wenn die Gemeinschaft von den Rückmeldungen aller einzelnen auch getragen und gestützt wird. Das meine ich in finanzieller und ideeller Hinsicht.

Vielleicht sollten wir die Frage einmal ganz anders stellen:

Was haben andere davon, dass ich aktiv bin, dass ich meinen Beitrag leiste, dass ich einfach dabei bin und Anteil nehme?

Sollten wir nicht generell unser Leben, Wirken und unsere Teilnahme dahingehend in Fragte stellen, was wir einst zurücklassen werden. Nur für wenige wird es ein materieller Reichtum sein. Vielmehr werden es ganz andere Taten sein, Worte des Zuspruchs, Berührungen, Begegnungen, Zeit und Augenblicke der Liebe und Zuneigung, die wir einfach geschenkt haben, ohne nach dem Nutzen zu fragen.

Der Philosoph Martin Buber sagt: Der Mensch wird am Du zum Ich. Um meinen Wert zu erleben, brauche ich die anderen um mich, sie können mir erst meinen wahren Wert vermitteln. Nur in dem, was wir geben und schenken, zeigt sich unsere wahres Menschsein, dort sind wir geöffnet für andere.

So bleibt nur die eine Frage: Was habe ich getan, um andere Menschen und Gemeinschaften zu bereichern? War ich ein Nehmer oder Geber – letzteres wird den Wert meines Lebens bestimmen

meint Ihr

Hans Neuhold