Verantwortung


Wir sprechen als Behinderte sehr gerne von der Verantwortung der Gesellschaft den Behinderten gegenüber und meinen damit unsere Bedürfnisse und Anliegen, die in unseren Augen zuwenig ernst genommen werden bzw. nicht erkannt oder negiert werden.

Ich denke, da liegt zuallererst ein Problem der Behinderten selbst zugrunde.

Wie soll denn eine Gesellschaft und eine Politik für behinderte Menschen Verantwortung übernehmen, solange die Probleme dorthin nur überantwortet, d.h. abgegeben werden?

Kann es denn überhaupt sein, dass andere für mich Verantwortung übernehmen?

Hier stellt sich wohl die Frage, wie wir als behinderte Menschen – und hier meine ich meinen ureigensten Bereich der Hörbehinderung – mit unserer eigenen Verantwortung umgehen und uns und unsere Behinderung ernst nehmen.

Meine Behinderung ist ein Teil meiner Person, ich trage daher auch für meine Behinderung die Verantwortung. Ich erlebe sehr oft, dass hörbehinderte Menschen von ihrer Behinderung wie von etwas Fremden sprechen, so als wollten sie diese Belastung nicht wahr haben, sie leben letztlich gegen ihre Behinderung und nicht mit ihr. Mit einer solchen Sichtweise kann aber das Leben nicht gelingen.

Ver-antwortung bedeutet für mich, Antwort geben auf eine vorhandene Situation, auf die Situation meines Lebens und meiner Hörbehinderung. Wir können und dürfen nicht so tun, als ob wir nicht schwerhörig wären, denn auf diese Weise wird uns niemand ernst nehmen können. Nur was ich selbst verantworte, das kann ich auch mit anderen kommunizieren und es zum Thema machen.

Nur in diesem Fall kann ich meine Hörbehinderung auch zum gesellschaftlichen und politischen Thema machen, wenn nämlich meine Glaubwürdigkeit erkennbar ist, dass ich gewillt bin, mit dieser Behinderung zu leben und Verantwortung zu tragen.

Die eigene Verantwortung für mein Leben beruht unter anderem auch darauf, wie ich mit meinen Grenzen umgehe und meine Grenzen auslote. Wer, wenn nicht wir selbst können am besten erkunden, wo unsere Schwächen und Stärken liegen, wie unsere Beziehung zur Umwelt und das soziale Miteinander aussehen kann, aufgrund unserer Behinderung. Nur das von uns selbst Erlebte und Erkannte kann in eine Gesellschaft einfließen und dort Wirkung erzielen und Handlungsbedarf erzeugen. Anderenfalls dürfen wir uns nicht wundern, wenn es immer mehr Gruppen und Institutionen gibt, die für uns denken und handeln und uns damit zu Ausgelieferten macht.

Denn wir alle werden nur solange behindert, solange wir uns behindern lassen, indem wir schweigend unser Schicksal und uns selbst bedauern. Das ist verantwortungslos.

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“ sagt der Fuchs in der Geschichte „Der kleine Prinz“ von Saint-Exupery.

Vielleicht liegt gerade in der Vertrautheit mit meiner ganz persönlichen Hörbehinderung der Schlüssel für mögliche Lösungen. Das, was ich bin – dazu gehört auch mein Gehör - muss ich immer ganz sein, dann kann es überzeugend auf andere wirken. Die Verantwortung für mein Hören kann zugleich meine Stärke sein.

Geben Sie die Verantwortung für ihr Hören nicht ab, sondern antworten Sie auf ihr Leben und auf Ihre Umgebung, damit auch die anderen Ihnen antworten können


meint ihr

Hans Neuhold