„Nichts Großes geschieht ohne Leidenschaft“

Diese Aussage stammt vom Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831). Als ich diesen Satz in unlängst in einer Tageszeitung las, sind mir dazu einige Gedanken zu unserer Arbeit und unserem Engagement gekommen.

Wer redet denn heute überhaupt noch von Leidenschaft? Unsere Arbeitswelt und auch viele persönliche Engagements sind ausgerichtet an pragmatischen Planungen und Zielen sowie nachvollziehbaren Erfolgen, ausgerichtet an der Öffentlichkeitsarbeit oder dem, was die Öffentlichkeit interessieren könnte. Die Frage, wer eigentlich als Mensch dahinter steht, wer in seinem Engagement und Tun sein ureigenstes Denken und Fühlen Zusammenhang einbringt, steht oftmals gar nicht zur Debatte. Man spricht viel eher als Firma, als Organisation oder Verband und stellt dies in den Vordergrund.

Damit entsteht sehr oft ein Problem mit der Glaubwürdigkeit der gesetzten Handlungen.

Dies passiert natürlich auch in der Arbeit mit behinderten Menschen. Die Projekte mit behinderten Menschen werden sehr oft eher den wirtschaftlichen Gegebenheiten und messbaren Erfolgen unterworfen als den Grundsätzen menschlicher Begegnung.

Mir ist in meinem Engagement und in meinem eigenen Erleben der Behinderung immer mehr bewusst geworden, dass es viel eher um diese vorhin angesprochene Leidenschaft gehen muss als um so genannte Qualitätskriterien, die als erledigt oder eben unerledigt abgehakt werden können.
Leidenschaft bedeutet für mich etwas, das aus der Tiefe eines Menschen kommt und erst dadurch in der Lage ist, wiederum die Tiefe eines anderen Menschen zu erreichen. Großes kann demnach nur erreicht werden, wenn Menschen ihre Leidenschaft auch zeigen und wenn diese in den Handlungen erkennbar wird. Leidenschaft muss spürbar werden, gerade im Zusammenleben der Menschen, im gegenseitigen Austausch.

Leidenschaft ist eine Triebfeder, die auch über negative Erlebnisse hinweg aufrecht bleibt, sie erlischt nicht, ja, sie kann gar nicht durch äußere Einflüsse zerstört werden. Das Besondere einer Leidenschaft ist, dass sie Gefühle zulässt, ja diese geradezu fördert. Gefühle hingegen können nicht einfach pragmatischen Handlungsweisen unterworfen werden, sie sind und bleiben ein Antrieb und der wirkliche Beweggrund einer Initiative und in besonderer Weise einer Arbeit mit behinderten Menschen. Ich möchte hier dieses „mit“ herausstreichen im Gegensatz zur Arbeit „für“ behinderte Menschen.

Indem gerade Leidenschaft und Gefühle der Garant sind, dass zwischenmenschliche Kontakte aufgebaut werden können, die ein Zugehen und Aufeinandereingehen ermöglichen und zugleich die Wahrnehmungsfähigkeit des Miteinanders schärfen, meine ich, dass das Fehlen einer Leidenschaft auch verhindert, dass wirklich Großes und Nachhaltiges in der Arbeit mit Behinderten passiert.

Beratung ist sicherlich gut und wichtig, technische und methodische Hinweise mögen den Betroffenen Neues aufzeigen, aber der Transport aller Weisheiten und gut gemeinten Ratschläge bedarf einer Lebensweise mit den Behinderten, die Leidenschaft und Gefühle nicht bloß zulässt, sondern diese in den Mittelpunkt rückt.

Ohne die Leidenschaft der Engagierten und ohne die Leidenschaft der Behinderten selbst, das Leben so wie es ist und sich uns aufdrängt, zu lieben und lebenswert zu gestalten, wird uns eben nichts Großes gelingen

meint ihr
Hans Neuhold