Ich will mich nicht mehr
für die Träume anderer einsetzen lassen
Ich habe meine eigenen Träume
Ich will sie wahr machen

(aus dem Gedichtband „an solchen Tagen“ von Sibylle Gurtner )

Als Schwerhöriger zu leben heißt doch in vielen Bereichen anderen zu genügen, ein Limit zu erfüllen, nicht anders sein zu dürfen, sich anzupassen an eine Welt, die das Hören und Verstehen als selbstverständlich betrachtet. „Nur nicht aus dem Rahmen fallen“ denken viele von uns und verwenden ihre ganze Kraft, den Anforderungen, die andere an sie stellen, zu genügen. Es sind die Träume anderer, mit den Hörgeräten am besten gleich den ganzen Menschen zu digitalisieren, damit er wieder „wie früher“ hören kann bzw. muss.

„Die eigenen Träume wahr machen“ könnte heißen, diesen Anders-Sein zu leben, um wirklich zu leben, nicht dafür, um alles rund um uns zu hören und zu verstehen, sondern um sich selbst zu verstehen, nach innen zu hören, um die eignen Fähigkeiten zu entdecken und sich nicht auf „defekte“ Ohren reduzieren zu lassen….ein Behinderter zu sein, weil man behindert wird.

Nur wir selbst können unsere Träume wahr machen, indem wir uns nicht behindern lassen unsere Träume zu leben.

Hans Neuhold

Es gibt keinen besseren Meister für dich als dich selbst!

sagte unlängst ein Freund zu mir und es machte mich nachdenklich.

Empfinden wir uns als Schwerhörige nicht des öfteren als Ausgelieferte, als Menschen, die nicht zurande kommen, wenn das Umfeld nicht entsprechend mitmacht, nicht entsprechend adaptiert, technisiert und perfektioniert ist? Zugleich spüren wir in unserem Alltagsleben, dass diese Hoffnung allein gar nicht genügen kann: zu warten, bis andere das tun, was wir möchten und bräuchten. Und im Geheimen uns noch dazu selbst eingestehen müssen, es selbst oft gar nicht zu wissen, wie es wirklich sein sollte.

Ich empfinde manchmal, dass es gerade bei uns Schwerhörigen allzu oft um die äußeren Rahmenbedingungen geht, um eine gute Höranlage, ein gelungenes taktisches Verhalten, eine optimale Hörgeräteversorgung usw.

Aber wo und wie bewegen wir uns als selbstständiger Mensch? Als einer, der bemitleidenswert seine Behinderung vor sich her trägt oder einer, der Kommunikation trotz allem sucht?

Meister für sich selbst zu sein, bedeutet für mich, sich selbst „wahr“ zu nehmen, mit all den empfundenen Einschränkungen, mit all den Veränderungen in mir und um mich herum, meinen negativen und positiven Erfahrungen. Vielleicht sind meine Fähigkeiten gar nicht geringer, sondern nur anders und ich benötige durchaus die Rückmeldung meiner Umgebung, um dieses Anderssein auch mit neuem Sinn zu füllen.

Es ist meist ein langer Weg, um an seinen eigenen Wert, an seine persönlichen Fähigkeiten glauben zu können. Es ist mühevoll aber notwendig, an den Erfahrungen zu reifen um neue Erfahrungen zu schaffen. Dazu – denke ich - bedarf es auch eines Meisters, der uns nicht von außen gegeben ist, sondern den wir in uns entwickeln müssen.

Hans Neuhold


Loslassen!

Unlängst sagte jemand nach einer Übersiedlung zu mir, nun habe er gelernt, was Loslassen bedeutet. So vieles hat sich angesammelt im Laufe der Jahre, und er merkte, dass er eigentlich nur wenig davon wirklich braucht. Nun hat er sich von vielen Dingen getrennt und er fühlt sich sogar erleichtert.

Das Wort Loslassen hat mich nach diesem Gespräch beschäftigt, dachte mir, wo kann ich selbst loslassen?

Was kann man überhaupt loslassen?

Als einer, den die Hörbehinderung durch so viele Jahre geprägt hat, dachte ich auch an all die Probleme und Sorgen, die sich ansammeln und die man mit sich herum trägt, die man vielleicht sogar bewusst um sich sammelt, um sich zu schützen, wie ein Wall, damit andere uns nicht zu nahe kommen. Damit nichts Anderes und schon gar nichts Neues auf uns zukommen kann.

Diese Erfahrungen sind mir beim Nachdenken gar nicht so fremd vorgekommen. Als Hörbehinderte von vornherein unsicher geworden im Umgang mit anderen, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, einen Wall um sich zu bauen:

- ich werde nicht anerkannt

- niemand nimmt mich ernst

- die anderen schließen mich aus

- ich kann nichts dafür

aber auch:

- niemand soll merken, dass ich schlecht höre

- ich brauche doch kein Hörgerät

- eine Gruppe nützt mir nichts

Loslassen würde bedeuten, sich selbst mit seiner Behinderung auseinanderzusetzen, bedeutet, sein Leben selbst in die Hand nehmen, sein Wissen um die notwendigen Maßnahmen zu erweitern, den anderen zu sagen, was man braucht, die vorhandene Technik nützen, sich einüben im Umgang damit, seine eigene Klagemauer überwinden, zugehen auf andere Mitbetroffene.

Loslassen heißt auch sich selbst loslassen, aufzubrechen, um mit anderen neue Wege finden zu können. Loslassen von der einengenden Behinderung, die zu oft die eigenen Fähigkeiten verdeckt, frei werden, um selbst die Reste seines Gehörs zu nutzen und Verstehen – wo man steht und geht, dann kann selbst unsereiner verstanden werden.

Hans Neuhold


Nur ein Clown?

Fasching ist angesagt, eine fast verordnete Zeit der Lustigkeit, manchmal werden wir fast davon überfallen. Aber warum nur im Fasching? Und was machen wir mit der Fröhlichkeit nach außen hin oder gar nach Innen?

Ich liebe die Clowns, für mich sind sie mehr geworden, als nur eine Schale, in die man zeitweise schlüpft. Sie deuten auf das Wesen des Menschseins hin.

Im Buch von Johannes Galli „Entdecke den Clown in dir“ steht eine Aussage:

„Clown wird man erst, wenn man keine andere Möglichkeit mehr hat“

Das zeigt mir als Schwerhörigen, Ertaubten oder was auch immer, dass der Clown in mir erst recht da sein kann und soll. Gerade dann, wenn ich inmitten meiner Umgebung als schwer hörender Mensch mein Unvermögen spüre, wenn ich dabei sein möchte und es mir trotz der Hörgeräte, dem Kabelsalat um meinen Ohren und aller technischer Anschlüsse nicht und nicht gelingt.

Dann bin ich irgendwie wütend, aber nebenbei und zugleich könnte es passieren, dass mein Falschverstehen die anderen zum Lachen bringt – was dann? Es könnte sein, dass gerade dadurch ein Funke überspringt zum anderen Menschen, mitten im Lachen. Da wäre jetzt der Clown in mir gefragt, sollte er nicht in den all den Jahren eines Hörbehindertseins völlig verschwunden sein. Kann dieser Clown mitlachen? Kann dieser Clown unsere immer wieder lästige Schwerhörigentechnik als Spiel benutzen, um Lachen zu können? All die unguten Situationen, in denen wir das Lachen einsetzen können, werden gerade dadurch verändert, sie werden ein Spiel zwischen Menschen. Und ein Spiel kann Freude machen.

Die Sprache des Clown ist nicht das, was er tut, es ist die Sprache des Herzens, das was uns bewegt, das tollpatschig Misslungene ist es, was uns die eigenen Grenzen aufzeigt in jenen Lebenssituationen, die man dauernd zu vermeiden sucht. Somit heißt Clown sein, die hohe Kunst des Scheiterns zu beherrschen.

Clown sein ist eine Stimmung, in die man hineinspringen muss. So wenig wie man schrittweise eine Schlucht überspringen kann, so wenig kann man seinen eigenen Clown schrittweise erreichen, ein frisch gewagter Sprung – dann ist er da.

Viele meinen, ein Clown ist nur etwas Gespieltes und vergessen dabei eben auf das Spiel. Warum lachen wir über den Clown? Weil ihm so vieles danebengeht – wie uns selbst.

Möge es Ihnen gegönnt sein, über den schwerhörigen Clown in Ihnen selbst zu lachen, eben deswegen, weil ihm so vieles danebengeht. Immer wieder, jeden Tag und sicherlich nicht nur im Fasching.

Hans Neuhold


Das, was uns frustriert, ist das, woran wir am meisten lernen können

Der Satz mag komisch und fremd klingen, sind wir doch in unserem Leben am meisten damit beschäftigt, all das Unangenehme und Frustrierende möglichst von uns fern zu halten. Wer hat nicht die Sehnsucht nach einer „heilen Welt“?

Für die tagtäglichen Wehwehchen haben wir Pillen auf Krankenschein, aber für Konflikte mit uns selbst und den anderen können wir nur auf wenig zurückgreifen. Da sind wir tatsächlich selbst gefragt und oftmals in Frage gestellt.

Schwerhörigkeit führt in vielen Bereichen zu unangenehmen Erfahrungen, da treten Störungen nicht nur einmal auf und selbst der, der sich sicher genug glaubt und fühlt, erlebt in Situationen, dass es trotz aller Anstrengung nicht gelingt. Frustration entsteht dann nicht bloß über die Hörsysteme, über nicht vorhandene Einrichtungen, über mangelnde Vorkehrungen, sondern über uns selbst. Denn jedes Scheitern trifft nicht Dinge und Geräte, sondern immer uns selbst in unserem Vorhaben und Bemühen, schlicht und einfach in unserem Menschsein. Erst recht, wenn wir uns mit einer Behinderung herumschlagen müssen.

Woraus sollten wir lernen?

Ich denke, es ist notwendig, die Ursache der Frustration zu erkennen. Warum hat das oder jenes mich jetzt getroffen? Worüber bin ich wirklich frustriert? Über andere oder über mich selbst? Wenn es andere sind, deren Verhalten ich falsch eingeschätzt habe, trifft es letztlich wieder mich selbst, wenn es mein eigenes Unvermögen war, dann erst recht. Also könnte der Lernerfolg wohl darin liegen, mich nicht bloß selbst zu verbessern, sondern das Scheitern gelassen zu ertragen, weil es zum Leben gehört, weil es keine Perfektion geben kann, weil alles, was in einer Kommunikation passiert, in jedem Miteinander von Menschen nicht nur einer Brücken baut. Und wenn eine Brücke nicht hält, dann haben zwar mehrere strategisch versagt, hätten aber mit einem Lächeln und manchmal auch mit einem kräftigen Lachen recht rasch zwei Ufer überwinden können.

Frustration entsteht sehr oft dort, wo wir uns selbst überschätzen und an unsere Grenzen stoßen, die wir vergessen haben, schon vorher wahr zu nehmen. Der Stein auf meinem Weg ist nichts anderes als ein Zeichen, die Füße höher zu heben.

Meint Ihr
Hans Neuhold